Es ist schon überraschend, was bei professionell geführten Koalitionsverhandlungen schlussendlich herauskommen kann: Der "Verlierer" besetzt die wichtigsten Ressorts, der "Verlierer" hat seine Themen - Budgetkonsolidierung, weiterer Wirtschaftsaufschwung und Förderung des Wirtschaftsstandortes - durchgebracht und schlussendlich auch noch eine gute Mischung von neuen und bewährten Köpfen präsentiert.

Wäre das möglich gewesen, wenn die ÖVP als Nr. 1 und die SPÖ als Nr. 2 koalieren würden? Wohl kaum. Die ÖVP hätte sich - das war ein realistisches Szenario - wohl von mehreren ihrer Erfolge der vergangenen Jahre (z. B. Gruppenbesteuerung) verabschieden müssen, im Regierungsprogramm wäre wohl tatsächlich eine linksgeneigte sozialdemokratische Handschrift zu erkennen gewesen. Lose-to-win: Die ÖVP hat offenbar ein neues politisches Erfolgsrezept entwickelt.

Der Triumph ist nur offiziell verhalten, um den ohnehin in Schwierigkeiten befindlichen neuen Bundeskanzler nicht noch mehr in die Bredouille zu bringen (wann war es eigentlich nicht?). Jubel ist freilich mit Blick auf die Zukunft nicht angebracht.

Dass die attraktiv glitzernde Figur Karl-Heinz Grasser einen höchst seriösen und ernsthaften Bundesparteiobmann Wilhelm Molterer überstrahlt hätte, sollte eigentlich kein Problem für die ÖVP sein - im Gegenteil.

Schade, dass diese Chance für den Weg zurück zur Nr. 1 vergeben wurde, schade, dass die bündische Fixiertheit einiger Spitzenfunktionäre der ÖVP ein Erfolgsduo Grasser+Molterer bzw. Form+Inhalt verhindert hat.

Warum sich der ÖAAB gerade hier zum politischen Jopperl-Verteidiger hochstilisiert hat, wird wohl das Geheimnis der handelnden Personen bleiben. Ein Ministerposten kann es doch hoffentlich nicht gewesen sein. Sollte das aber der Startschuss altbewährter bündischer interner Auseinandersetzungen gewesen sein, könnte der Traum vom nur kurzfristigen Abschied vom Bundeskanzler schneller ausgeträumt sein, als manche glauben. Eine Lose-lose-Situation wäre vorprogrammiert. Dafür hat es sich nicht ausgezahlt, die Wahlen zu verlieren.

Die werden übrigens mehr denn je in den Städten zu gewinnen sein. Urbanität repräsentiert in der neuen ÖVP-Regierungszusammensetzung jedoch wohl bloß der neue Wissenschaftsminister Dr. Johannes "Gio" Hahn. Ob es ihm gelingt, mit seinem Amt auch die Wiener Partei zu modernisieren, wird bei den nächsten Wiener Wahlen zum "Elchtest" urbaner Identität der ÖVP werden.

Fest steht: Geschlossene Reihen und Klientelpolitik sind für die Zukunft der ÖVP zu wenig. Mit einem Minderheitenprogramm lassen sich keine Mehrheiten gewinnen. Es muss wieder "glitzern" - personell wie intellektuell. (DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.1.2007)