Gütersloh - Es könnte eigentlich ein unspektakuläres Jahr werden für Europas größten Medienkonzern. Nach Milliardeninvestitionen 2005 und dem Aufsehen erregenden Aktienrückkauf für 4,5 Mrd. Euro im vergangenen Jahr ist bei Bertelsmann erst einmal Konsolidierung angesagt. Dennoch schaut die Medienbranche in diesen Tagen gespannt nach Gütersloh. Der Bertelsmann-Aufsichtsrat entscheidet am kommenden Freitag über den Nachfolger von Konzernchef Gunter Thielen.

Der Vorstandsvorsitzende und Vertraute der Eignerfamilie um Firmenpatriarch Reinhard Mohn wird Ende des Jahres im Alter von 65 Jahren an die Spitze des Aufsichtsrates wechseln. Seit Thielen selbst im März 2005 die Diskussion um seine Nachfolge eröffnet hatte, wird spekuliert. Der Vorstandschef hatte anlässlich einer Bilanzpressekonferenz in Berlin erklärt, sein Nachfolger werde aus dem eigenen Führungsgremium rekrutiert, der freie Arbeitsmarkt gebe keinen besseren Medienmanager her.

Seitdem wurde beinahe jedes der sechs Vorstandsmitglieder mindestens einmal in die Favoritenrolle gedrängt. Lediglich der Chef der Buchverlagssparte Random House, der US-Amerikaner Peter Olson, konnte an seinem Amtssitz am New Yorker Broadway in Ruhe weiter arbeiten.

Gerüchte

Zunächst waren Spekulationen ins Kraut geschossen, Bertelsmann-Urgestein Rolf Schmidt-Holtz, seit 1988 mit dem Konzern durch Höhen und Tiefen gegangen, könnte den Vorstandsvorsitz als Übergangslösung übernehmen, um später Mohn-Sohn Christoph den Weg an die Konzernspitze zu ebnen. Doch der 58-Jährige Schmidt-Holtz blieb in New York, um dort das schlingernde Musik-Joint-Venture Sony BMG auf Vordermann zu bringen.

Später galt der Chef der profitreichsten Bertelsmann-Sparte RTL Group, Gerhard Zeiler, als möglicher Kandidat. Der Österreicher nahm sich selbst aus der Schusslinie und verlängerte seinen Vertrag bei RTL.

Nach einem gelungenen Start als Finanzchef galt dann für kurze Zeit auch Vorstandsneuling Thomas Rabe (40) als Kandidat für die Nachfolge. Und auch dem Chef der Zeitschriftensparte Gruner + Jahr, Bernd Kundrun, wurden seine steten Beteuerungen, gerne in Hamburg bleiben zu wollen, von interessierter Seite nur bedingt abgenommen.

Ostrowski gilt als Favorit

Einzig der Chef der Industrie- und Dienstleistungssparte Arvato, Hartmut Ostrowski, gilt seit eineinhalb Jahren durchgehend als Favorit für die Thielen-Nachfolge. Der 48-Jährige fährt mit seinem Unternehmensbereich auf einem anhaltenden Wachstumskurs. Seit 2002 hat er den Umsatz von 3,6 auf weit über 4,4 Mrd. Euro und das operative Ergebnis von 217 auf deutlich über 340 Mio. Euro ausgebaut. Mehr noch als die guten Zahlen wiegt wohl die Persönlichkeit des in seiner ostwestfälischen Heimat verwurzelten Managers. Ihm wird ein gutes Verhältnis sowohl zu Vorstandschef Thielen als auch zur Familie Mohn nachgesagt.

Letztlich wird aber erst am 19. Jänner wirklich klar sein, ob er seinen hartnäckigsten Widersacher, Ewald Walgenbach (45), abschütteln konnte. Dem Chef der Buchclub-Sparte Direct Group ist das Kunststück gelungen, die hochdefizitäre Division innerhalb weniger Jahre aus dem Minus zu führen. Pünktlich eine Woche vor der Personalentscheidung ließ Walgenbach die Erfolgsstory verkünden. Mit einem operativen Minus von 160 Mio. Euro hatte er das schon totgesagte Geschäft 2002 übernommen. 2006 wird er ein Plus von deutlich mehr als 100 Mio. Euro präsentieren.(APA/dpa)