Paris - Einen solchen inszenierten Massenauflauf hatte Frankreich seit Jahren nicht mehr gekannt: Zehntausende von Franzosen, darunter Parteimitglieder wie bloße Sympathisanten, pilgerten am Sonntag zum Kongress der französischen Rechtspartei UMP, um Innenminister Nicolas Sarkozy zum Präsidentschaftskandidaten zu küren. Oder zu krönen: Die Pariser Medien verglichen Sarkozys Großauftritt mit Napoleons Gehabe und die Zeremonie des "kleinen Nick" ironisch mit der Inthronisierung von Karl dem Großen.

Zehntausende kamen, aber einer fehlte: der Gegner. Sarkozy, mit 98 Prozent der Stimmen gewählt, hatte auf dem Kongress gar keine Widersacher, weshalb es seiner Show ein wenig an Pfeffer fehlte - umso gewaltiger deshalb die Inszenierung. Gewiss, es ist "nicht nichts" - so die Zeitung Libération -, wenn es ein Immigrantensohn in der Grande Nation so weit bringt wie noch kein anderer vor ihm. Der Weg war lang, dornenreich und gefährlich; und noch jetzt lauern überall Heckenschützen, darunter diejenigen des "Killers" Jacques Chirac, des Staatspräsidenten, der so manchen seiner internen Rivalen (Chaban-Delmas, Giscard d'Estaing) auf dem Gewissen hat.

Ein Handicap

Die Wahl hat Sarkozy noch keineswegs in der Tasche. Frankreich steht wohl vor Wirtschafts- und Sozialreformen, die Kandidaten bürgerlich-liberaler Prägung wie Sarkozy begünstigen; seine sozialistische Widersachererin Ségolène Royal hat in ihrer Partei eher ein Handicap.

Eher viril

Und doch ist das Rennen sehr offen. Sarkozy, der mit seinem napoleonischen Draufgängertum selbst harte Politveteranen wie Jacques Chirac oder den rechtsextremen Front-National-Mann Jean-Marie Le Pen in Bedrängnis bringt, zeigt sich gegenüber der - politisch eher leichtgewichtigen - Royal erstaunlich unsicher und zaudernd. Als wüsste er nicht, wie er gegen eine Politikerin ankommen soll: aggressiv wie ein alter Kämpe oder galant, wie es sich für einen Franzosen gehört? An der sozialistischen "Madonna" wird sich "Sarko" deshalb noch die Zähne ausbeißen. Hart für ihn.

Aber erfreulich für die verkrusteten und eher virilen Politsitten Frankreichs: Das diesbezüglich so unübliche Duell zwischen Mann und Frau wird in den nächsten Wochen und Monaten zweifellos höchst belebend wirken. (brä, DER STANDARD, Printausgabe, 15.1.2007)