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Chinas Drache hat in Österreichs Modehandel ein gewichtiges Wort mitzureden und die Italiener abgehängt.

Foto: AP, Standard/Regine Hendrich; Montage: Beigelbeck
Wien – Die Österreicher kleiden sich immer häufiger in Mode made in China. Die Direkteinfuhren sind in den ersten drei Quartalen 2006 um 7,5 Prozent auf 461 Mio. Euro gestiegen, belegen neue Zahlen des Fachverbands der Bekleidungsindustrie. Die Chinesen haben die Italiener damit abgehängt und sind zum zweitstärksten Textilimporteur hinter Deutschland avanciert.

Über Umwege wie den Vietnam, Hong Kong und Bangladesch deckt China Österreich mit weiterer Ware ein. Bangladesch etwa hat die Textilimporte so um 52 Prozent auf 118 Mio. Euro ausgebaut. Die große Flut an Bekleidung aus dem Fernost steht jedoch noch bevor. Die zweijährige Quotenregelung läuft heuer aus: China darf die EU damit ab 2008 uneingeschränkt mit Textilien beliefern. Dass die Quote noch einmal um ein weiteres Jahr verlängert wird, halten viele Experten für unwahrscheinlich. Denn Deutschland, Skandinavien und Großbritannien signalisierten derzeit nur wenig Bereitschaft, sie zu halten.

"Die Importe werden daher noch einmal anziehen", sagt Franz Pitnik, Chef des Fachverbands der Bekleidungsindustrie, im Gespräch mit dem STANDARD. Der Preisdruck verstärke sich. Österreichs Modebranche wickelt zwar bereits 75 Prozent der Produktion im günstigeren Ausland ab, überwiegend in Osteuropa. Internationale Textilkonzerne satteln aber zunehmend auf Fernost-Hersteller um – Lohnfertiger aus dem Osten können den Auftragsverlust oft kaum kompensieren. Die österreichische Bekleidungsindustrie hat die Zahl der Mitarbeiter seit 1995 auf 9700 Beschäftigte nahezu halbiert. Die knapp 200 Betriebe setzen 1,2 Mrd. Euro um. 70 Prozent der Textilien gehen in den Export, Wachstum gibt es derzeit vor allem in Russland.

Weniger Aufträge

Auf die Branche kommen jedoch auch an anderer Front harte Zeiten zu. Europas Handel ist aufgrund der Wetterkapriolen auf der Winterware sitzen geblieben. Jetzt startet der Einkauf für die kommende Saison, und es zeichnet sich Order-Zurückhaltung ab.

Willi Stift, Bundesgremialvorsteher des Textilhandels, erwartet bei hochwinterlicher Ware Auftragsrückgänge von bis zu 30 Prozent. "Betriebe behalten liegengebliebene Standardbekleidung oft fürs nächste Jahr auf." Händler bemühen sich zudem, immer kurzfristigere Bestellungen durchzusetzen. Die Lieferfristen sinken, und die Produzenten müssen mehr Kollektionen zu geringeren Stückzahlen bringen.

"Der Handel überdenkt sein Bestellwesen und wird künftig gezielter einkaufen", sagt auch Peter Voithofer, Experte der KMU Forschung Austria. Die exakten Bilanzen für 2006 liegen noch nicht vor. Voithofer geht davon aus, dass Österreichs Bekleidungshandel im Vorjahr auf rund 3,8 Mrd. Euro Umsatz stagnierte. "Ein Plus wird sich nicht ausgehen." Der Trend zur Filialisierung und Konzentration setze sich fort. Vor allem kleine Betriebe müssen um ihr Leiberl rennen.

Die Gewinnmargen in der Branche liegen im Schnitt nur bei 1,5 Prozent. Und die erheblichen Rabatte bei der Winterbekleidung lassen die Renditen weiter schmelzen. Wie viel an Ware die Branche bereits jetzt aus den Textilfabriken in Fernost bezieht, sei nicht abschätzbar, sagt Stift. "Der Anteil ist aber sehr hoch."

Österreichs Bekleidungshersteller treten für eine Verlängerung der Quoten für China ein. Allzu viel dürfe man sich davon aber nicht mehr erwarten, sagt Pitnik. Denn die Zeit der Einfuhrbeschränkungen sei endgültig vorbei. Einzelne weitere Strukturbereinigung sei nicht zu verhindern. Die Österreicher hätten sich mittlerweile aber spezialisiert, in neue Exportmärkte und ihre Marken investiert.

USA schotten sich ab

Auch Wolfgang Zeyringer, Chef des Fachverbands der Textilindustrie, rechnet nicht mit raschen Quoten-Neuverhandlungen. Die EU-Kommission werde voraussichtlich abwarten, wie massiv Chinas Exporte 2008 nach Europa tatsächlich steigen. Einer der Unsicherheitsfaktoren dabei sind die USA. Sie erlauben China erst ab 2009 uneingeschränkten Import. Und das könnte den Europäern eine zusätzliche Textil-Flut bringen. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.1.2007)