Wien - Die Gesundung der deutschen Wirtschaft - des lange beklagten "kranken Mannes in Europa" - diagnostiziert der Chefökonom des österreichischen Discount-Brokers direktanlage.at, Martin Hüfner. Die Besserung der deutschen Wirtschaft sei eine der großen Überraschungen des vergangenen Jahres. Deutschland liege mit seinem Wachstum inzwischen im europäischen Mittelfeld und habe gute Chancen, auch wieder zur Lokomotive zu werden. Deutsche Aktien werden sich weiter überdurchschnittlich entwickeln, erwartet Hüfner.

Getrieben würden die deutschen Aktien durch weitere Restrukturierungen in den Unternehmen - auch durch Fusionen - sowie durch den Zufluss ausländischer Mittel (Private Equity). Im Laufe des Jahres werde der Rückenwind der Turn-around-Situation allerdings abflauen, denn die Investoren gewöhnten sich an das neue Bild von Deutschland und würden neue "Turn-around-Kandidaten" in der Welt suchen.

Gute Aussichten für Immobilien

Positiv seien auch die Aussichten für deutsche Immobilien, obwohl in diesen Sektor schon viel Geld geflossen sei. Der Rückstand sei hier so groß, dass der Normalisierungsprozess - trotz aller demografischen Belastungen - noch lange dauern werde.

Die Erholung der deutschen Wirtschaft sieht Hüfner als nicht nur als vorübergehend an, sondern als eine Verbesserung struktureller Art. Begonnen habe die Entwicklung mit vor zwei Jahren mit einer starken Zunahme der Exporte. 2006 sprangen dann die Investitionen an. Der Maschinenbau verzeichnete in den vergangenen sechs Monaten einen Zuwachs der Inlandsaufträge von annualisiert 15,9 Prozent. Die Bauwirtschaft wachse nach zehn Jahren der Schrumpfung erstmals wieder, wenn auch nur mit bescheidenen Raten (2006: +2,5 Prozent). Nur der private Konsum sei zurückgeblieben. Dies sei aber im konjunkturellen Muster durchaus üblich, so Hüfner.

Das Wirtschaftswachstum für 2006 liege daher vermutlich bei mehr als 2,5 Prozent - das beste Ergebnis seit 2000. Die Zahl der Beschäftigten, die in den vergangenen Jahren permanent geschrumpft ist, stieg seit Dezember vorigen Jahres um 390.000. Die Arbeitslosenzahl ging sogar um fast 600.000 zurück. Das Haushaltsdefizit sei 2006 dank konjunkturbedingt sprudelnder Steuereinnahmen auf vermutlich 2,5 Prozent gefallen. 2007 werde von den meisten Experten ein Wachstum von etwas unter 2 Prozent erwartet. Ein etwas höheres Plus, sogar über 2 Prozent würde Hübner aber nicht wundern. Immerhin betrage allein der statistische Überhang fast 1,5 Prozent. Die Auftragsbücher der Industrie seien voll.

Günstige Rahmenbedingungen

Zwar hätte in Deutschland auch Glück eine Rolle gespielt: "Das Wetter war gut. Es gab die Fußballweltmeisterschaft, die Ölpreise sind nicht weiter gestiegen, die Weltwirtschaft gab Rückenwind", so der Ökonom in dem heute, Dienstag, veröffentlichten Marktkommentar. Aber gerade weil es sich bei der Besserung in Deutschland in erster Linie um eine strukturelle Wandlung handle, sei damit zu rechnen, dass sie auch über den laufenden Zyklus hinaus anhalten werde. Hüfner: "Die meisten Beobachter rechnen für Deutschland im Jahr 2008 mit einem höheren Wachstum als 2007."

Das erste Quartal 2007 werde wegen der Mehrwertsteuer zwar schlechter ausfallen, in den Folgequartalen werde es aber wieder eine deutliche Beschleunigung geben.

Allerdings sei "die Sache noch nicht in trockenen Tüchern", so Hüfner. Als Risiken sieht der Chefökonom der direktanlage.at, einer Tochter der deutschen DAB Bank, dass Deutschland als besonders exportintensives Land von allfälligen Problemen der Weltwirtschaft stärker betroffen sei. Bei einer Euro-Aufwertung würden die Gewinne der Industrie leiden, allerdings seien die deutschen Unternehmen in dieser Frage gelassener als beispielsweise die französischen. Sollten die Gewerkschaften ihre Lohnzurückhaltung aufgeben, könnte es sehr schnell wieder zu einer Überforderung der Unternehmen kommen. Wenn die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen zu stark anhebe, könnte es dies die Baukonjunktur belasten. Vorsicht bleibe also angebracht. (APA)