Berlin - Der bayerische CSU-Chef Edmund Stoiber spielt auf Zeit. Die Landtagsfraktion sprach Stoiber bei den Gesprächen in der Nacht auf Mittwoch in Wildbad Kreuth ohne Abstimmung per Applaus das Vertrauen aus. Die Person des CSU-Spitzenkandidaten bei der Landtagswahl 2008 blieb allerdings weiter offen. Stoiber wertete die Erklärung der Fraktion in der Nacht als "absolute Rückendeckung" für seine Politik.

Punkten durch Nachgiebigkeit

Schon in der vorhergehenden Nacht, bei Verhandlungen mit der Spitze der CSU-Landtagsfraktion, überraschte der bisher unnachgiebige Parteivorsitzende die Abgeordneten in Wildbad Kreuth mit den Worten, er müsse bei der Landtagswahl im nächsten Jahr nicht unbedingt erneut als Spitzenkandidat antreten. Damit eröffnete der gewiefte 65-Jährige offiziell die Debatte um eine Erfolg versprechende Nachfolge für Ministerpräsidentenamt und Parteivorsitz - und in dieser Diskussion hat er gute Karten: Denn als Regierungschef hat er historische Erfolge errungen, und auch sein unbeirrbarer Einsatz für Bayern als CSU-Chef in den Berliner Koalitionsrunden haben ihm viel Respekt im Freistaat eingetragen.

Beginn einer Karriere

Zielstrebig hatte der diensteifrige Stoiber seinen Aufstieg vorangetrieben: 1978 überträgt der damalige Parteivorsitzende Franz Josef Strauß dem am 28. September 1941 in Oberaudorf bei Rosenheim geborenen promovierten Juristen den Posten des CSU-Generalsekretärs. Schnell steigt Stoiber zum Chef der bayerischen Staatskanzlei auf und zieht später als Innenminister ins Kabinett von Ministerpräsident Max Streibl ein. Die späteren Reibungen zwischen Streibl als Regierungschef und Theo Waigel als CSU-Chef sowie die Pannen der Doppelspitze nutzt Stoiber, um sich den Titel des "geschäftsführenden Ministerpräsidenten" zu erarbeiten.

Machtkampf mit Waigel

Nach Streibls Rücktritt in der "Amigo"-Affäre zeigt Stoiber seine Kämpfernatur: Hartnäckig und machtbewusst ringt er 1993 mit Waigel um den Posten des Ministerpräsidenten und siegt. Waigel bleibt Parteichef, nachdem seine Beziehung zur Skisportlerin Irene Epple an die Presse durchgesickert war. 1999 übernimmt Stoiber auch noch den CSU-Vorsitz.

Mit einer erfolgreichen Mischung aus Regionalpolitik zur Stärkung des Wirtschaftsstandortes Bayern und Vorstößen zur Europa-, Gesundheits- und Ausländerpolitik im Bund verschafft sich Stoiber in der Union hohes Ansehen. Dass er - für einen Regierungschef in Bayern untypisch - wenig hemdsärmelig und krachledern auftritt und sich stattdessen detailversessen in Akten verbeißt, wird zwar von einigen belächelt. Dennoch setzt er sich im Jänner 2002 nach wochenlangem Ringen mit der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel um die Kanzlerkandidatur durch: Bei einem Frühstück in Stoibers Haus in Wolfratshausen verzichtet Merkel. Später sagt sie, im Machtkampf mit dem CSU-Chef sei ihr schon früh klar geworden, dass sie keine Chance habe.

Zwei-Drittel-Mehrheit im bayerischen Landtag

Einen seiner schwersten Schocks erlebt Stoiber jedoch am Wahlabend des 22. September 2002: Er hatte schon auf einen knappen Erfolg angestoßen, als kurz vor Mitternacht der amtierende Kanzler Gerhard Schröder (SPD) als Sieger feststeht. Stoiber kann sich aber schnell aufrappeln und holt ein Jahr später als erster Ministerpräsident in Deutschland eine Zwei-Drittel-Mehrheit im bayerischen Landtag.

In Merkels Wahlkampf 2005 zögert er, im Schattenkabinett einen Posten zu übernehmen. Kritiker sagen, er habe damit den sicher geglaubten Sieg der Union verspielt: Hätte er sich als neuer Finanzminister präsentiert, wäre nicht der Steuerexperte Paul Kirchhof ins Spiel gekommen, dessen Pläne von der SPD als Wahlkampfmunition genutzt wurden. Stoiber ringt sich erst nach der Wahl durch, als Wirtschaftsminister nach Berlin zu wechseln.

Am 1. November 2005 kommt dann der Wendepunkt in Stoibers Laufbahn: Er kündigt mitten in den Koalitionsverhandlungen völlig überraschend seinen Rückzug aus dem geplanten Bündnis an. In den Verhandlungen wurde ihm aber nach Angaben von Vertrauten klar, dass er in Berlin seine aus Bayern gewohnte unangefochtene Machtposition nicht würde halten können. Die Basis ist verärgert über das Hin und Her des Vorsitzenden, viele Anhänger sind in ihrem Stolz verletzt.

Nachdem ihn seine parteiinterne Kritikerin Gabriele Pauli mit Bespitzelungsvorwürfen in eine Führungskrise stürzt, scheint Stoiber und seinem abgeschotteten Beraterkreis der Instinkt verloren zu gehen. Erst nach langem Widerstand erklärt er sich zur persönlichen Aussprache mit Pauli bereit. Und als er nach einem demonstrativen Solidaritätssignal des CSU-Präsidiums ankündigt, bis mindestens 2013 Ministerpräsident zu bleiben, halten viele CSU-Spitzenpolitiker den Bogen für überspannt: Die Suche nach einer Nachfolge ist in vollem Gange. (APA/Reuters)