Der international vielleicht bekannteste österreichische Diplomat, Wolfgang Petritsch, bekommt demnächst den Europäischen Menschenrechtspreis. Diese hohe internationale Auszeichnung wurde ihm wegen seiner langjährigen Bemühungen um friedliche Zusammenarbeit der Volksgruppen und um Stabilisierung der Lage in der Krisenprovinz Kosovo und in Bosnien-Herzegowina verliehen. Der kenntnisreiche Kärtner Slowene war sowohl als EU-Sondergesandter für den Kosovo und Chefverhandler für die Kosovo-Friedenskonferenz wie auch als Hoher Repräsentant für Bosnien-Herzegowina (de facto Gouverneur) hoch angesehen, weil er stets unparteiisch, aber zugleich entschlossen gehandelt hat.

Man kann seine Rolle in der Balkan-Politik seit seiner Ernennung als österreichischer Botschafter 1997 in Belgrad nicht hoch genug einschätzen. Nicht nur als exzellenter Vertreter der internationalen Staatengemeinschaft zwischen 1998 und 2002, sondern auch als Buchautor und Vortragender hat Petritsch - ebenso wie übrigens Erhard Busek und Albert Rohan - maßgeblich zum Verständnis der verschlungenen Wege der Balkan-Politik beigetragen. Er hat sich mutig für die (wenn auch zeitweilig eingeschränkte) Unabhängigkeit der serbischen Provinz Kosovo ausgesprochen und auch den Etikettenschwindel mit dem von britischen Diplomaten erfundenen Scheinbegriff "West-Balkan" abgelehnt.

Warum ist nun dieser bedeutende Diplomat, Jahrgang 1947, in den letzten Jahren nicht seinen Fähigkeiten entsprechend eingesetzt worden? Sein Fall spiegelt in mancher Hinsicht die Widersprüchlichkeit der österreichischen Innen- und Parteipolitik wider. Dass der junge Petritsch von 1977 bis 1983 ein loyaler und umgänglicher Pressesekretär von Bundeskanzler Bruno Kreisky war, bereicherte ihn zwar mit einzigartigen Erfahrungen, vor allem was Österreichs Platz in der Weltpolitik betrifft, doch war es auf lange Sicht keine Empfehlung in einem eher bürgerlich geprägten Außenamt. Seine achtjährige Tätigkeit als Leiter des österreichischen Presse-und Informationsdienstes in New York (1984-1992) hatte ihn für höhere Aufgaben vorbereitet. Da aber die Affäre um Kurt Waldheims Kriegsvergangenheit gerade in diese Zeitspanne fiel, wollten manche - allerdings erfolglos - ihm aus seiner angeblichen Mitwirkung einen Strick drehen.

Vor seiner bereits erwähnten glanzvollen internationalen Karriere diente Petritsch 1995-1997 als internationaler Abteilungsleiter der Stadt Wien. Bei der Nationalratswahl 2002 wurde er Listenführer der SPÖ in Wien und wäre im Falle eines Wahlsieges als österreichischer Außenminister vorgesehen gewesen. Warum blieb er dann nicht in der Politik? Dem Kreisky-Zögling bot sich wohl keine seinen Fähigkeiten entsprechende Stellung als Außenpolitiker in den Reihen der SPÖ-Fraktion an. Deshalb nahm der enttäuschte Petritsch die ihm bereits vor dem Wahlgang als Botschafter in Genf zugewiesene Funktion an.

Der nach einer langen Durststrecke siegreichen Sozialdemokratie wird von manchen Beobachtern sowohl im Bund als auch in Wien Freunderl- und Cliquenwirtschaft vorgeworfen. Der bisherige Umgang mit diesem international profilierten Diplomaten war für keine Seite ein Ruhmesblatt. Bei der Neubesetzung der zahlreichen vakant gewordenen Botschafterposten könnten nun Bundeskanzler und Außenministerin beweisen, dass dieser persönlich absolut integre und hochqualifizierte Diplomat endlich seinen Fähigkeiten entsprechend bei der EU in Brüssel oder bei der UNO in New York eingesetzt wird. (Paul Lendvai, DER STANDARD, Print, 18.1.2007)