Düsseldorf/München - Nach den verheerenden Schäden durch den Orkan "Kyrill" kommen auf die deutschen Versicherer voraussichtlich hohe Belastungen zu. Die Auswertung der Schadensfälle läuft seit Freitag auf Hochtouren. Mit konkreten Schätzungen hielt sich die Branche, die in der Früh bereits reihenweise Schadensmeldungen der Kunden verzeichnete, aber noch zurück: Auf rund eine Milliarde Euro könnte sich der Schaden belaufen, hieß es.

"Was man sicher sagen kann ist, dass es einen Sturm dieser Art in Deutschland bis jetzt noch nicht oft gegeben hat", sagte ein Sprecher der zur Münchener Rück gehörenden Ergo-Gruppe. "Als Versicherer fällt uns daher ein Vergleich mit früheren Sturmereignissen schwer." Auch die Allianz als Marktführer nannte zunächst keine Zahlen. Derzeit schätzten mobile Einsatzteams im ganzen Land die Schäden ab, Telefon-Hotlines arbeiteten rund um die Uhr. "Bei den Versicherern klingeln die Telefone heiß", sagte eine Sprecherin des Branchenverbandes GDV.

Erinnerungen an "Lothar"

Nach Einschätzung von Wetterexperten hat sich wegen der Klimaerwärmung rund um den Globus die Wahrscheinlichkeit von Unwettern in Europa erhöht. Im Oktober 2002 sorgte alleine der Sturm "Jaenett" laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) für einen versicherten Schaden von 650 Mio. Euro. In dem Jahr wurde zugleich mit 1,65 Mrd. Euro der höchste Stand der letzten 30 Jahre verzeichnet. 1999 hatte bereits der Wintersturm "Lothar" europaweit versicherte Schäden in Höhe knapp sechs Mrd. Euro angerichtet. Die volkswirtschaftlichen Belastungen beliefen sich auf fast das Doppelte.

Ob "Kyrill" dieses Ausmaß erreicht, ist noch ungewiss. Der Orkan war in der Nacht zum Freitag über Teile Europas hinweggefegt und hatte in Deutschland Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 Kilometern pro Stunde erreicht. Mindestens sieben Menschen verloren hier zu Lande das Leben. In Großbritannien, den Niederlanden und Tschechien starben mindestens 14 Menschen. Auch am Freitag waren noch Hunderttausende im Bundesgebiet ohne Strom.

Abwarten

Große Versicherer wie Ergo, Gothaer, Axa und die Allianz hielten sich zunächst ebenso wie die Rückversicherer Münchener Rück und Hannover Rück bedeckt mit Schätzungen zum Ausmaß der Schäden. "Das wird noch einige Tage dauern", sagte eine Sprecherin von Axa. "Auf jeden Fall ist überhaupt nicht anzuzweifeln, dass eine Grundvoraussetzung für den Versicherungsfall eingetreten ist: nämlich Windstärke acht. Es gab nur einen kleinen Zipfel in Deutschland, wo die Windstärke unter acht geblieben ist."

Allerdings verwiesen Experten darauf, dass die Bevölkerung im Fall von "Kyrill" bereits frühzeitig vor möglichen Schäden gewarnt wurde. "Wir haben aber den Eindruck, dass sich die Bevölkerung heute besser auf Unwetter vorbereitet und zum Beispiel die Autos in Garagen oder an sichere Plätze fährt", sagte etwa ein Sprecher der Ergo-Tochter Victoria. "Vermutlich liegt das auch an der zunehmenden Berichterstattung über Klimaveränderungen und Stürme." Die Aktien von Allianz und Münchener Rück verloren am Vormittag in einem insgesamt schwächeren Gesamtmarkt 0,3 beziehungsweise 0,7 Prozent. Hannover Rück und AMB Generali notierten hingegen leicht im Plus. (Reuters)