Wien - Wettermäßig hat der Winter noch nicht einmal Einzug gehalten, doch der Bücher-Frühling hat bereits begonnen. In den Buchhandlungen werden in diesen Tagen die ersten Titel der Frühjahrs-Programme der Verlage ausgeliefert.

Josef Haslinger veröffentlicht unter dem Titel "Phi Phi Island. Ein Bericht" seinen Augenzeugenbericht zur Tsunami-Katastrophe im Dezember 2004. Haslinger, der mit seiner Familie im Thailand-Urlaub von der Flutwelle überrascht wurde und nur mit Glück überlebte, hat sich darin seine Erlebnisse von der Seele geschrieben. Im Vorfeld wollte er zu seinem bei S. Fischer erscheinenden Buch keine Auskunft geben, also muss man sich bis Ende März gedulden. In der Verlagsankündigung wird er dazu mit vier kurzen Sätzen zitiert: "ein paar monate lang war ich ziemlich sicher, dass ich dieses buch nicht schreiben würde. schon deshalb nicht, weil ich oft danach gefragt wurde. du arbeitest doch nicht etwa an einem tsunami-buch? nein, keine angst."

In Peter Handkes "Kali" (erscheint bei Suhrkamp noch im Jänner) reist eine Sängerin nach Abschluss ihrer Tournee "in die Gegend gleich nebenan, hinter dem Kindheitsfluß. ... Dort ist der Winter noch Winter. Oder: Es ist eine Auswanderer-Gegend ... Das Einzige, was ich noch weiß: Der Untergrund dort besteht bis in die tiefsten Tiefen aus Salz - Kali. ... Auch im Sommer ein schneeweißer Bergrücken mitten in der Ebene." Reisen ist für die Sängerin gleichbedeutend mit der Neuentdeckung der Welt, sie trifft auf "Überlebende des Dritten Weltkriegs, der rund um uns schon seit langem wütet, unerklärt, wenig sichtbar, aber um so böser".

Die Protagonisten von "Zwei Leben und ein Tag", des in Kürze bei Luchterhand erscheinenden neuen Romans von Anna Mitgutsch, sind Edith und Leonard, "zwei Menschen, die nicht wieder zusammen finden und nicht voneinander lassen können. Was sie verbindet, ist ihr Sohn Gabriel und die Frage, was diesem in seiner Kindheit zugestoßen ist und ihn zum Außenseiter gemacht hat. In langen Briefen an den Ex-Mann, die sie freilich nie abschicken wird, versucht sich Edith noch einmal über ihr Leben und ihr Schicksal Klarheit zu verschaffen und darüber, woran ihre Liebe zerbrach", heißt es in der Ankündigung.

Mit "Stadt der Verlierer" (im Februar bei Hanser) liefert Lilian Faschinger laut Verlag rund um einen Frauenfreund und zwei Privatdetektive "ein ironisches, zuweilen groteskes Panoptikum der Stadt Wien und ihrer Bewohner: skurril, komisch, makaber und höchst spannend". Auch Sabine Gruber hat einen neuen Roman geschrieben: In "Über Nacht" (im Jänner bei C.H.Beck) erzählt sie die Geschichte zweier Frauen in zwei verschiedenen Städten, Mira in Rom und Irma in Wien. Es sei "ein Buch über das Alter als Realität und Utopie, über den Zufall als Lebens- und Todesmacht und über die Verquickung von Leben und Schreiben", heißt es.

Der Otto Müller Verlag bringt den Roman "Zweischritt" der jungen Oberösterreicherin Andrea Grill, bei Picus erscheinen u.a. Liebesgeschichten von Rudolf Habringer ("Alles wird gut"), im Skarabaeus Verlag erscheint der neue Roman des Burgenländers Clemens Berger. In "Die Wettesser" treffen Teilnehmer einer Hot Dog-Ess-Weltmeisterschaft auf radikale Veganer.

Der Innsbrucker Haymon Verlag feiert seinen 25. Geburtstag. Im Jubiläumsprogramm legt Raoul Schrott im Februar mit "Die Fünfte Welt" das Logbuch einer Reise vor. Zusammen mit einer wissenschaftlichen Expedition hatte sich der Autor in das Länderdreieck von Tschad, Sudan und Libyen aufgemacht. "Es ist dies ein Bericht über unvorstellbare Armut, humanitäre Katastrophen und politische Putschversuche, den ungleichen Handel zwischen Europa und Afrika - aber auch die Erzählung einer Reise ins Nirgendwo, zu einer Mitte der Welt und zum eigenen Selbst", heißt es.

Der Oberösterreicher Ludwig Laher erzählt dagegen in seinem neuen Roman "Und nehmen was kommt" laut Verlag "ohne falsche Sentimentalität und hart an der Wirklichkeit" von einer jungen Frau aus einer ostslowakischen Roma-Familie: Ausgenützt, hintergangen und gedemütigt scheint ihr Weg am Strich und in Clubs an der Grenze Tschechiens zu Deutschland und Österreich vorgezeichnet. Ebenfalls im Haymon-Jubiläumsprogramm findet sich eine "Spätlese" von Alfred Komarek von Texten aus vier Jahrzehnten und das Roman-Debüt der Grazerin Angelika Reitzer: In "Taghelle Gegend" erzählt sie über das Erwachsenwerden einer jungen Frau.

Im Gegensatz zu Haymon sieht das Literatur-Programm des einstigen Verlags-Flaggschiffs Residenz eher bescheiden aus: Der neue Roman von Michael Stavaric, "Terminifera", wird als "unheimlich und unheimlich gut!" beworben, sonst finden sich hier Geschichten und Betrachtungen zur Zweisamkeit, die Erika Pluhar anstellt ("Paar Weise"), ebenso wie eine Gesellschaftskomödie des deutschen Autors Norbert Müller ("Easy Deutschland").

Im Karl Blessing Verlag legt der Kabarettist Alfred Dorfer im März sein erstes Buch vor: "wörtlich" versammelt satirische Texte bis hin zu dem Theaterstück "Indien". Froschl bringt im Februar das Roman-Debüt des Journalisten und Autors Ronald Pohl: "Die algerische Verblendung" nimmt Bezug auf Albert Camus' Roman "Der Fremde". Der in Österreich lebende bosnische Autor Dzevad Karahasan veröffentlicht im März im Insel Verlag "Berichte aus der dunklen Welt" und folgt den Spuren, die das 20. Jahrhundert in seiner Heimatstadt Sarajevo und in Bosnien hinterlassen hat.

Im Verlag Jung und Jung zeigt Anselm Glück "Die Maske hinter dem Gesicht". "Nur für den Fall, dass es der Kritik nicht auffallen sollte: Dieser Roman ist natürlich keiner. Das aber perfekt", heißt es in der Ankündigung, "Anselm Glück ist ein unerschöpflicher Bilderfinder und Rätseldarsteller. Mit diesem kaleidoskopischen Buch erweist er sich darüberhinaus als ebenso nachdenklicher wie temperamentvoller Erzähler." Von Julian Schutting ist der Roman "Zu jeder Tageszeit" angekündigt, ein Buch, "das einen Liebenden zeigt, der mit höchstem Erfindungsreichtum einer Kunst huldigt, die in unseren vorschnellen Zeiten fast verlorengegangen scheint: der Kunst des Werbens."

In "Das gute alte Wien" erinnert sich Günter Brus an die Zeit des Wiener Aktionismus und "dreht die Erinnerungsschraube ins Fleisch der Geschichte, bis sie durchdreht. Was dabei am Ende herauskommt, sind Szenen zwischen Wiener Vorstadttheater und Grand Guignol. Mit scharfem Witz und reichlich Kalauern ruft Günter Brus noch einmal auf, wie er sich zwischen Hunger und Durst herausgefordert und ausgeliefert hat, nicht ahnend, ob der Weg in eine mönchische Selbsterkundung oder in Pulp Fiction führte. Die Komik, mit der das alles hier erzählt wird, ist Zeichen einer Distanz, die nichts mit Distanzierung zu tun hat", heißt es bei Jung und Jung, "Immer wieder bleibt einem das Lachen wie eine Gräte im Hals stecken." (APA)