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Kris van Assche verbindet Sportlichkeit mit Romantik, die auch in Zukunft gefragt bleiben wird.

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John Galliano hingegen zeigte "Road Warriors" und Trash-Gestalten.

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Die beiden Roboterarme rotieren - sehr schnell und bedrohlich. Dort, wo sich normalerweise die Hände befinden, sind Glühbirnen angebracht, die den riesigen Raum flackernd beleuchten. Es dauert eine kleine Ewigkeit an diesem späten Samstagabend, bis die Show des Belgiers Raf Simons beginnt. Nur die Installation des Künstlers Conrad Shawcross, um die der Laufsteg herumführt, rotiert um sich selbst. Ein düsteres, technoides Szenario mit menschlichen Versatzstücken.

Raf Simons, der der Männermode der vergangenen Jahre seinen Stempel aufdrückte wie ansonsten nur Hedi Slimane (dessen Show für Dior Homme beschließt am Dienstag die Männerschauen), zeigt die Mode an einem Wendepunkt - am Übergang in ein Zeitalter, in dem der Mensch seinen Weg erst durch die Auseinandersetzung mit der Maschine finden kann. Dafür muss er sich wappnen, und dafür liefert ihm Simons im nächsten Herbst und Winter Kleidungsstücke, die gleichermaßen schützen wie glänzen.

Die Oberflächen sind mit Latex und Gummi beschichtet, in die Baststoffe sind dünne Metallfäden eingearbeitet. Die Mäntel sind hoch geschlossen, mit seitlichen Perforierungen, die Pullover haben Reptilien-ähnliche Rippenmuster, die Lackschuhe Plateaus: Ein erhöhter Standpunkt kann diesen dunklen Kriegern, die ihre anthrazitfarbenen Anzüge ganz eng am Körper tragen, nicht schaden. Zur Not können sie sich mit den bis zum Bizeps reichenden, mit Schnallen und bronzenen Ringen versehenen Handschuhen wehren.

Es gibt wenige Modemacher, die ähnlich starke Visionen haben wie Raf Simons - vor allem in der Männermode. Dries van Noten gehört dazu - er zeigte ein Spiel mit Proportionen zu gefährlich hohen Hosen - oder jemand wie Takahiro Miyashita vom japanischen Label Number (N)ine - er zeigte einen Predigerlook, wie ihn auch Rock-'n'-Roll-Jungs mögen. Dabei ist gerade Männermode ein interessantes Feld: Hier erschüttern radikale Zugriffe eine in die Jahre gekommene Kleiderordnung. Das ist der Grund, warum nicht wenige in der Männermode den wahren Hort für modische Neuerungen sehen.

Deutungshoheit

Am gleichen Tag, einige Stunden früher im Pariser 11. Arrondissement. Hier, in einer alten Schule hat Martin Margiela sein ganz in Weiß gehaltenes ätherisches Hauptquartier. Auch er ist Belgier, anders als Simons bleibt er aber unsichtbar. Die Kleider beanspruchen die Deutungshoheit in seinem Mode-Laboratorium. Eine Show gibt es nicht, Mitarbeiter in weißen Schürzen "erklären" die Kleidungsstücke, die hölzerne Krawatte, einen zur Gänze aus Nieten zusammengehaltenen Mantel, die Boots mit Flammenmuster, den "gepeelten" Pullover. Alte, gefundene Designs werden eins zu eins in die Kollektion übernommen, Neues wird auf alt gemacht.

Margiela misstraut dem Ablauf der Zeit, misstraut Kategorien wie "dem Neuen" - auch seiner eigenen Rolle als ewig aktueller Avantgardist. In einer Phase, in der sich die Mode neu orientiert, ist er ein Garant für den steten, tiefgründigen Blick auf das eigene Metier. Die konkrete Ausmalung der Zukunft, die jetzt bereits in der zweiten Saison in Variationen des Futurismus-Themas besteht, überlässt er anderen.

Zum Beispiel John Galliano, für den die Zukunft von "Road Warriors" und Trash-Gestalten bevölkert wird, oder seinem ehemaligen Mitarbeiter Paul Helbers, der mittlerweile für die Männerkollektionen von Louis Vuitton zuständig ist (nach der Show verbeugt sich eigenartigerweise aber Marc Jacobs). Helbers haben es Annie Lennox und die Eurythmics angetan, ihr esoterischer Futurismus und die synthetische Mischung der Elemente. Die Farben gehen in seiner Sci-Fi-Retro-Kollektion ineinander über, Nylon und Samt fusionieren in Outfits, die dann aber doch dem typischen Louis-Vuitton-Kunden passen müssen. Das macht die Kollektion inhomogen.

Aus einem Guss dagegen jene von Kris van Assche: Der Look des ehemaligen Hedi-Slimane-Assistenten ist weicher als der seines Lehrers, die Schnitte genauso ausgefeilt. Toll die weiten Hosen: mit breiten weißen Nähten und teilweise abgesteppten Kniepartien. Zu den Bikerboots und den kurzen glänzenden Steppjacken schauen sie sportlich, militärisch und romantisch in einem aus. Vor allem die Romantik ist Assches Spezialität. Sie wird auch in Zukunft gefragt bleiben. (Stephan Hilpold aus Paris, Der Standard, Printausgabe 29.01.2007)