Wien - Koralmbahn und Wiener Zentralbahnhof gleichzeitig wird für die ÖBB finanziell zwar so etwas wie ein Super-GAU, ÖBB-Holding-Chef Martin Huber will am Bahnhofsprojekt für die Bundeshauptstadt aber dennoch unbedingt festhalten. Er sieht dabei auch "keine Abhängigkeit von der Koralmbahn", wie er Mittwochabend in einem Pressegespräch versicherte.

Hauptbahnhof extrem wichtig

Im Gegenteil, der Hauptbahnhof Wien sei extrem wichtig, weil eine Verkehrsdrehscheibe ohne Wienerwald- und Lainzer Tunnel, Ostbahnausbau und der viergleisige Westbahnausbau deutlich weniger Nutzen brächten. Im Rahmenplanentwurf 2007 bis 2012 sei der Hauptbahnhof deshalb natürlich enthalten, "da sollte nichts passieren", meinte Huber.

Damit dieser Wunsch des ÖBB-Chefs Wirklichkeit wird, dürfte allerdings ein größerer politischer Deal notwendig sein: Infrastrukturminister Werner Faymann muss nicht nur den Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider für eine Verschiebung um vier bis sechs Jahre gewinnen, sondern auch seinen SPÖ-Parteikollegen, den steirischen Landeshauptmann Franz Voves. Beide Länder zahlen zum mindestens 4,2 Milliarden Euro teuren Koralmbahn-Ausbau je 140 Mio. Euro dazu und können noch dazu auf einen zivilrechtlichen Vertrag pochen (siehe Bericht oben).

Alles besser

Bis Faymann diesen politischen Deal zustande bringt, bleibt bei der 2004 reformierten und seither permanent in den Schlagzeilen herumkurvenden Bahn alles besser: Das Vorsteuerergebnis (EGT) stieg 2006 laut den von Huber und Finanzchef Erich Söllinger eilig vorgelegten Zahlen von 13 auf über 30 Mio. Euro. Heuer sollen es sogar 78,4 Mio. Euro werden. Die hauptsächlich von den Absatzgesellschaften (Personenverkehr, Rail Cargo Austria) erwirtschafteten Gesamterträge stiegen um sechs Prozent auf 5,3 Mrd. Euro.

Rekordverdächtig auch die Umsatzentwicklung. Jene im Personentransport stieg bei 443 Millionen Fahrgästen (plus sechs Millionen, davon zwei im Postbus) von 1,85 auf 1,9 Mrd. Euro. Der Umsatz im Güterverkehr vermehrte sich um zehn Prozent 2,2 Mrd. Euro und 93 Mio. Tonnen.

Schuldenstand wird steigen

Am Schuldenstand der Staatsbahn ändern diese "Markterfolge", auf die Huber in der unüblich früh vorgelegten Finanzvorausschau stolz verwies, freilich nichts. Die ÖBB steht mit 7,7 Mrd. Euro in der Kreide, das sind um 1,3 Mrd. Euro mehr als 2005. Bleibt das Ausbauprogramm so ambitioniert, wie von Verkehrsminister Faymann versprochen und werden jährlich 1,5 Mrd. Euro verbaut (für die der Staat haftet), muss jedes Jahr rund eine Milliarde über Anleihen aufgenommen werden und der Schuldenstand wird 2010 auf 13 bis 14 Milliarden Euro steigen.

Daran ändern auch die, ebenfalls von der Regierung versprochenen 360 Mio. Euro an Zuschüssen nichts. Denn das in Tranchen von je 50 (in den Jahren 2007 und 2008), 100 (2009) und 160 Mio. Euro (2009) auszuschüttende Geld entlastet die ÖBB nur beim Zinsendienst. Dieser wird bis 2010 nämlich ebenfalls rasant steigen, auf jährlich 500 Mio. Euro, wie Söllinger zugibt. Auch der offensiv betriebene Immobilienverkauf entlastet ebenfalls nicht spürbar, er bringt pro Jahr rund 50 bis 100 Mio. Euro Erlös.

Um bis 2010 "eine Top-Bahn Europas" zu werden, muss natürlich neues Wagenmaterial her: Züge im Wert von 1,2 Mrd. Euro sind bereits bestellt, davon um 800 Mio. für den Nahverkehr, der Rest sind ICE und Railjet-Garnituren. Dieses Geld muss die ÖBB selber aufbringen, während der Staat für Infrastruktur jährlich 1,5 Mrd. Euro zahlt und für Schülerfahrten, Pensionisten und Pendler 585 Mio. Euro. (ung, DER STANDARD Printausgabe 02.02.2007)