Wien – Dem einsamen Buhrufer zum Trotz, der sich unmittelbar nach der Österreichischen Erstaufführung von Sofia Gubaidulinas – für eine Komposition von 2006 recht eingängigem – Stück Die Leier des Orpheus verdrossen bemerkbar machte, war die Botschaft von Gidon Kremers neuestem Wien-Gastspiel klar: Es gibt nur eine Musik, und jeder ihrer Ausformungen begegnet der Meistergeiger mit einer Ernsthaftigkeit von jener Art, die stets Freude und zuweilen Heiterkeit einschließt.

Mit dieser Grundhaltung lässt sich für vieles offen sein, für (wenn auch nicht die avanciertesten) Zeitgenossen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken ebenso wie für leichter tönende Piecen mit Schlagseite zur Unterhaltsamkeit (wenn nicht, wie bei manchen Kompositionen Alfred Schnittkes, beides zusammentrifft). Und Kremer liebt es, diese Haltung weiterzugeben, stellt nicht nur bei seinem Lockenhauser Kammermusikfest gerne junge Talente vor, sondern coacht solche auch für die Auftritte seines Streichorchesters Kremerata Baltica.

Diese am Mittwoch etwa bei Erich Wolfgang Korngolds schwelgerischer Symphonic Serenade auch ohne Dirigenten erstaunlich koordiniert klingende Formation versteht es beinahe ebenso wie der Meister selbst, sich mit emphatischer Verve ins Zeug zu legen, aber auch, das Leichte ernst zu nehmen. Beeindruckend auch, wie schroff und kraftvoll Ludwig van Beethovens Große Fuge für Streichquartett in Orchesterbesetzung klingen kann – wenn im Großen Konzerthaussaal die Intonation hier auch eine gewisse Schwankungsbreite aufwies.

Hatte Kremer schon bei Gubaidulina eine Lektion über das fragile Kantable gegeben, so erfüllte er das klassizistische, leichtfüßige A-Dur-Rondo von Franz Schubert, dessen 210. Geburtstag man am Mittwoch übrigens recht unbemerkt beging, mit herber Süße und ebenso sinnfällig wie überraschend wirkenden Akzentuierungen: Musikantische Spontaneität und bedeutungsvolle Tiefe sind bei Kremer eben kein Widerspruch, wie auch die zugegebenen Salonstücke bewiesen. Und selbst den beiläufigsten Gedanken – und sei es "Happy Birthday" oder der Nokia-Sound! – spielt Kremer so, als ob der ganze Schmerz der Welt, aber auch ihre Freuden, darin liegen würden. (Daniel Ender/ DER STANDARD, Printausgabe, 02.02.2007)