Wien - Das Klangforum traut sich was. Präsentierte es doch Samstagabend zum Start der Semesterferien, während derer man Wiens Musikfreunde eigentlich in alle Windrichtungen verstreut wähnt, sympathisch cool ein anspruchsvolles, teilweise recht sperriges Programm. Die Rechnung ist aufgegangen. Der Mozartsaal war voll. Und der Erfolg einhellig.

Suchte man für die drei aufgeführten Werke einen Übertitel, so wäre er in dem von Josquin Déprez geprägten Begriff der "musica riservata" gefunden. Einer Musik, die sich nicht an vorgegebene formale Prinzipien hält, sondern ihre Gestalt immer wieder neu aus ihrem Inhalt entfaltet.

Als Musterbeispiel für diese Methode der Klangentwicklung und -gestaltung darf da vor allem Oliviers Messiaens Couleurs de la cité céleste gelten. Jeder der fünf Teile dieses Konzertes für Bläser, Schlagzeug und Soloklavier kreist um ein Zitat aus der Geheimen Offenbarung des Johannes. Was Messiaen vorlegt, ist eine beeindruckend intensive akustische Farbenlehre, deren Parameter freilich persönlich und letztlich unüberprüfbar bleiben. Doch die von Sylvain Cambreling geleitete intensive, präzise Wiedergabe mit Florian Müller als Solisten verhalf der klingenden Optik zu beeindruckender Präsenz.

Musik, Metaphysik

Auch das Werk des 56-jährigen aus Glasgow gebürtigen Schotten James Dillon wurzelt inhaltlich und formal im Bereich des Mystischen. Soll der Titel des Werkes - Überschreiten - an Rilkes Zeile "und der gehorcht, indem er überschreitet" aus den Sonetten an Orpheus erinnern, so ist dieses insgesamt Teil einer German Triptych genannten Trilogie, als deren geistige Wurzeln der Komponist die deutsche Metaphysik eines Jakob Böhme, aber auch Friedrich Hölderlin anführt.

In den fünf Teilen dieses Werkes nimmt Dillon dessen Titel (Überschreiten) beim Wort und versucht, die während der Lektüre sich ergebenden mystischen Zeitverschiebungen und -überlappungen, aber auch Bedeutungserweiterungen zum Klingen zu bringen. Wie nichts in der Mystik ist auch deren von Dillon vorgeführte, vorwiegend auf Ober- und Untertonspektren basierende akustische Version nicht überprüfbar. Schon eher der Elan, mit dem sich Cambreling und das Klangforum auf diese mystische Klangreise einließen.

Verglichen mit den beiden vorangegangenen Werken hat Beat Furrer in der von ihm selbst geleiteten Uraufführung der FAMA-Szenen I, IV, VI, VIII geradezu vier orchestrale Knüller präsentiert. Der Grund dafür mag darin liegen, dass Furrer, mit der Opernerfahrung, die er hat, die Musik nicht durch theoretische Prämissen intellektualisiert, sondern ihre Wirkung im Bereich des Emotionalen belässt.

Das hat zur Folge, dass Furrers Musik, obwohl sie neu ist, spontane Selbstverständlichkeit einfordern darf. Diese assoziativ um Arthur Schnitzlers Fräulein Else, Lukrez und Ovid kreisenden Klangszenen bestechen durch ihre inhaltliche Kohärenz, fast wäre man verführt zu sagen, durch ihre anthropomorphe Mikrostruktur. Einfacher gesagt, das Folgende erschließt sich aus dem Vorhergegangenen. Und dies bei strikter Abstinenz gegenüber dem billigen Effekt. (DER STANDARD, Printausgabe, 05.02.2007)