Für Italiens Medien ist es eine Pflichtübung. Nach jedem tragischen Ereignis ergießt sich eine Flut steriler Rhetorik über das Land. Über Tage wird das Katastrophenszenario ausgeleuchtet und totgeredet, werden Hypothesen und Varianten erörtert und geeignete Maßnahmen beschworen.

Der tragische Tod eines Polizisten vor dem Stadion in Catania macht da keine Ausnahme. Journalisten und Fußballexperten, die sich an jedem Wochenende in Hörfunk und Fernsehen wegen Elfmeterfouls oder Abseitsentscheidungen in Rage reden, finden nun empörte Worte über Gewaltbereitschaft und Exzesse in den Stadien.

Jene Klubverantwortlichen, die beste Beziehungen zu den aggressiven Fanklubs pflegen, fordern mit Trauermienen drastische Maßnahmen. Es ist wie immer in Italien. Gesetze sind da, um sie zu umgehen. Ein im Juni 2005 erlassenes Gesetz zur Eindämmung der Gewalt in den Fußballstadien wurde nicht umgesetzt - mit tatkräftiger Unterstützung jener Vereine, die sich im Fernsehen darüber beklagen.

Das mit dem Zwangsabstieg von Rekordmeister Juventus Turin begonnene Großreinemachen im korrupten italienischen Fußball verlor sich im WM-Siegesrausch. Hatten die in Verruf geratenen Halbgötter nicht sich und die Nation reingewaschen und den verunsicherten Tifosi bewiesen, dass der totgesagte Fußball lebt? Ist nicht der Kapitän der Squadra Azzurra, Fabio Cannavaro, gar zum Weltfußballer gewählt worden. Der siegreiche WM-Coach Marcello Lippi zeigt sich nun "desorientiert". Immerhin wartet er nach den Schreckensszenen von Catania mit einem bemerkenswerten Vorschlag auf: "Vielleicht sollten die Klubs statt Stürmer in Zukunft Soldaten kaufen." (Gerhard Murmelter, DER STANDARD Printausgabe 05.02.2007)