Im Kampf gegen den Frauenhandel will Joanna ein Buch schreiben und einen Spielfilm produzieren.
Foto: Helene Trauner
Nach schlechten Erfahrungen mit ihrem Ehemann produzierte Joanna in Wien einen 20-Minuten Film gegen Frauenhandel und präsentierte ihn bereits in Nigeria. Nun will sie einen Spielfilm machen, um AfrikanerInnen über diesen Teil der Realität des Lebens in Europa aufzuklären. Ein filmisches Porträt von Joanna war im ORF ("Am Schauplatz") zu sehen. Mit Joanna sprach Kerstin Kellermann.

dieStandard.at: Wie hast Du vom Thema "Frauenhandel" erfahren und wann? Es ist sicher ein Schock im Leben einer Frau, wenn sie davon erfährt. Wie war es für Dich?

Joanna: Ich kam 2003 wegen meinem Mann nach Österreich und hatte nur Kontakt zu meinen Landsleuten und der afrikanischen Kirche. Durch diese Ehe erfuhr ich, dass es viele Sachen gibt, die Nigerianer machen, die nicht in Ordnung sind. Ich hatte über die Familie und Freunde meines Exmannes viel Kontakt zu nigerianischen Mädchen, und fand heraus, dass mein Exmann irgendwas Illegales macht. Ich war neugierig. So bin ich dann in diese Geschichten über Prostitution hinein gekommen und sah, dass viele dieser Mädchen, die zu uns zu Besuch kamen, auf der Straße als Prostituierte arbeiten. Immer wieder gab es ein Drama und sie weinten, dass sie es nicht machen wollen. Ich habe viel mit denen geredet und die erzählten mir, was sie alles machen müssen, dass sie Opfer von Menschenhandel sind.

Da interessierte es mich noch nicht so sehr, aber als mein Exmann sich mit Hilfe eines dieser Mädchen bei Gericht hat scheiden lassen, ohne dass ich davon wusste, entschied ich mich, wirklich etwas dagegen zu machen. Ich hatte immer dieses Bild dieser trauernden jungen Frauen im Kopf. Weil niemand auf die hört, weil sie nicht darüber reden können, was mit ihnen passiert ist, vielleicht auch weil sie kein Deutsch können, wollte ich versuchen, denen eine Stimme zu geben. Aber ich konnte nicht alles heraus kriegen, denn, als die gewusst haben, dass ich mit so etwas nicht einverstanden bin, haben sie mir viel verheimlicht.

Ich habe Probleme gemacht, ich habe seine Familie in Afrika angerufen. Ich habe mit vielen Nigerianerinnen darüber geredet, aber ich stand einfach völlig alleine da. Alle haben gemeint: "Aber geh, du bist nicht die einzige, die jemand hat, der etwas Schmutziges macht, dass machen eh alle. Man kann so überleben, das ist kein Grund sich aufzuregen und du bist eine schlechte Frau, wenn du etwas dagegen sagst oder machst." Das ging bis zu dem Punkt, an dem ich gedacht habe, vielleicht bin ich einfach wirklich schlecht, wenn das für alle in Ordnung ist und nur für mich etwas Schlechtes - vielleicht stimmt etwas nicht mit mir. Dann habe ich aufgegeben, bis zu dem Ereignis, wo er wirklich etwas gegen mich persönlich gemacht hat. Als er mich betrog und mir die ganze Rechnung für die Scheidung, von der ich nichts wusste, geschickt hat.

dieStandard.at: Was für eine Ausbildung hast Du? Was hast Du in Nigeria gearbeitet? Hast Du früher Unterstützung von Deiner Familie erhalten, um diese Stärke zu entwickeln?

Joanna: Meine Eltern versuchten, mir eine gute Ausbildung zu geben. Später machte ich auf der technischen Universität ein Diplom, aber nach einem Jahr Praktikum heiratete ich. Ursprünglich wollte ich nur für die Hochzeitsreise nach Österreich kommen und dann zu Hause meine Universität abschließen. Meine Eltern ließen sich ein Jahr vor meiner Matura scheiden und mein Vater wollte uns nicht mehr, weil er derjenige war, der Geld hatte, meine Mutter hatte nichts. In Nigeria gibt es Polygamie, die Männer schauen oft nicht mehr auf Frau und Kind. Ich war bei meiner Oma, meine Mutter verschwand für drei Jahre.

Ich musste ab 16 Jahren selber Geld verdienen, um studieren zu können. Ich war im Showbusiness, arbeitete als Model, als Schauspielerin, dann hatte ich einen Kostümverleih. Ich habe ständig Geborgenheit von einem Elternteil gesucht. Meinen Exmann lernte ich über eine Freundin kennen und heiratete ihn schnell, denn mir hat eine Familie gefehlt. Ich war 21 Jahre alt. Meine Freundin heiratete bereits mit 18 und bekam dann schnell zwei Kinder. Sie stammte auch aus einer getrennten Familie und fühlte sich alleine. Sie brach ihr Studium ab, sie wollte Rechtsanwältin werden.

dieStandard.at: War es nicht gefährlich, gegen die Geschäfte mit dem Frauenhandel anzukämpfen?

Joanna: Wenn man diese Damen sieht, wie sie leben und wie sie mit Hilfe von Voodoo eingeschüchtert werden, denkt man nur, oh Gott, wie kann ich denen helfen. Was kann ich dazu beitragen, dass dieses ganze Geschäft nicht mehr funktioniert. Man denkt nicht an die eigene Sicherheit. Solange ich in Österreich lebe, ist es nicht gefährlich, denn hier fürchten sich die Männer vor den europäischen Strukturen. In Nigeria kannst du die Polizei bestechen, als Zuhälter kannst du Polizisten bezahlen, um das Geld von den Opfern zu holen. Hier funktioniert das nicht. Wenn ich nicht legal eingereist wäre, hätte ich um Asyl angesucht.

Auf der Reise mit dem "Am Schauplatz"-Team nach Benin, stand plötzlich mein Exmann da, an der Rezeption in dem Hotel, wo wir wohnten. Ich hatte Angst, denn ich war verantwortlich für ein ganzes Fernsehteam mit drei ORF-Leuten, meinen jetzigen Mann und mein Baby, aber mein Exmann sagte nichts, ging einfach vorbei. Wir hatten eine tolle Filmpremiere mit viel Presse und präsentierten meinen Film gegen Frauenhandel vor Schülerinnen und Schülern. Aber insgesamt war es sehr auffällig, mit vier weißen Leuten herum zu laufen. Mein Exmann ist nie bestraft worden, er lebt in Österreich und fährt viel nach Benin. Die Anzeige wegen Betrug wurde nicht verfolgt.

dieStandard.at: Wie hast Du es geschafft, Dich emotional von Deinem Mann zu trennen?

Joanna: Nach vier Monaten Ehe liebte ich ihn nicht mehr. Ich musste zu viele Voodoo-Rituale mitmachen, was ich nicht wollte. Er ist eher ein traditioneller Typ, obwohl er in die Kirche geht. Ich wollte schon einen Christen heiraten, jemand, der nicht in diesem traditionellen Leben lebt. Aber alles änderte sich, ab dem ersten Tag, als ich ihn heiratete. Dann sagte er, du bist meine Frau, du gehörst mir, du musst dich benehmen. Er wusste, dass ich eine Schauspielerin war, dass ich das Show Business liebe. Er akzeptierte das während der Beziehung, aber nach der Hochzeit sagte er, meine Frau darf das nicht machen.

Bei uns herrscht die Kultur vor, dass eine Frau ab einem gewissen Alter heiraten muss. Und wenn eine Frau selbstständig ist und Geld hat, hat sie weniger Chancen einen Mann zu bekommen. Denn die Männer wollen immer Männer spielen, wollen der Chef sein. Wenn eine Frau sehr unabhängig ist, ist sie keine Frau für einen typischen Benin-Mann. Ich besaß damals ein Auto, eine Wohnung, ein Geschäft... Meine Freundin und ich hatten in dieser Zeit die Angst, dass wir alleine sein werden mit 40 Jahren. Wenn man heiratet, bedeutet es aber für mich nicht, dass man darin sterben muss. Das ist kein Bund, den man nicht loslassen kann.

dieStandard.at: Also, diesen christlichen Teil der Ehe habt ihr nicht übernommen? Zusammen bleiben, bis dass der Tod euch scheidet?

Joanna: Was ist der Tod? Ich kann mich an Nächte erinnern, in denen ich mir wünschte, lieber gestorben zu sein, als das zu erleben. Die Liebe in der Beziehung war schon gestorben. Er hat die Zukunft und das Leben von vielen Mädchen getötet - das ist auch der Tod. Ich sollte akzeptieren, dass er noch eine Freundin auf meinen Namen hat – der Tod war schon da.

dieStandard.at: Viele osteuropäische Frauen oder Mädchen machen vor Gericht Anzeige gegen Frauenhandel und sagen trotz der Gefahren aus. Aber du hast das Mittel gewählt, einen Film zu machen ...

Joanna: Voodoo und die Drohungen gegen die Familien wirken sich anders aus, als Gewalt und direkte Bedrohungen mit Waffen. Ich glaube, unsere Landsleute haben mehr Angst vor Voodoo als vor einer Pistole. Obwohl das nicht das einzige Druckmittel ist. Der Vertrag, den die Mädchen machen müssen, läuft und funktioniert über psychischen Druck. Die Mädchen sagen, bitte, ich will nicht sterben, ich will nicht verrückt werden... Ich bin nicht direkt betroffen gewesen, aber indirekt schon. Er glaubte, dass ich, wenn ich nach Österreich komme, die Madame von vielen Mädchen sein werde und sie auf den Strich schicken und das Geld für die Familie holen. Das konnte ich nicht machen. Ich liebte ihn am Anfang, aber nach so vielen Ereignissen, tat mir diese Liebe weh und sie verschwand.

Ich bin ein Opfer von Lug und Betrug. Das halten viele Frauen nicht aus, obwohl es als normal gilt. Ich sollte nicht arbeiten, ich sollte nicht deutsch lernen, sondern zu Hause bleiben und ein Kind bekommen. "Du musst auf dieses Mädchen aufpassen, du musst auf mein Geschäft aufpassen", sagte er. Österreicher werden dich verderben. Als er heraus fand, dass es mit mir ein bisschen schwierig wird, denn vielleicht bin ich auch zu stolz, verschwand er. Plötzlich. Ich kam nach Hause und er war nicht mehr da. Ich hatte nicht einmal einen Euro zum Essen.

dieStandard.at: Doch du hast dann später Kunst gemacht mit deinem Film. Setzt Kunst nicht schon ganz viel an Verarbeitung voraus?

Joanna: In Nigeria arbeitete ich schon vor der Kamera als Schauspielerin, dann fand ich hinter der Kamera meinen Platz. Mein Onkel war Produzent. Ich liebe die Kunst, um meine Erfahrungen darzustellen, als Theaterstück, als Show, als Film. Ich will Leute aufklären, ich will etwas zeigen. Ich habe diese Sucht, die Leute aufzuklären. Kunst spricht, man kann Botschaften durch Kunst rüber bringen. Finanziell erhielten wir wenig Unterstützung, es gibt keinen Filmfonds für Afrika. Wir haben einen Verein gegründet und den Film zur Aufklärung der Menschen in Afrika gemacht.

Ein junger Regisseur, Michael Sokola, half mir mit seinem Filmteam und seinen Kameras. Das Ziel ist es, einen richtigen Spielfilm zu machen. Denn in Nigeria sind die sehr beliebt. Mein Bundesland, Edo State, ist sehr vom Frauenhandel betroffen. Wir wollen die Realität in Europa zeigen. Die Leute glauben andere Sachen von Europa, die wissen nichts von Meldezetteln oder Arbeitspapieren. Es ist nicht alles so rosig hier, es liegt kein Gold auf der Straße. Du kriegst nicht sofort eine Arbeit. Rassismus und Diskriminierung spielen eine Rolle. Menschenhandel, Prostitution, Drogenverkauf – in Nigeria redet niemand darüber. Davon weiß man in Afrika nichts. Man sieht nur, jemand geht nach Europa, kommt zurück und ist reich. Die Filmindustrie zeigte das immer so. Das stört mich.

Was dazwischen passiert, zeigt keiner. Ich will die Realität zeigen. Dass die Leute nicht alles glauben, was ihnen erzählt wird, dass sie immunisiert werden gegen die Versprechungen des Menschenhandels, den Lügen der Schlepper. Wir wollen eine Organisation sein, die Afrikanern und Afrikanerinnen die Wahrheit sagt. Wir sagen nicht, komm nicht nach Europa, das ist nicht das Ziel. Sogar in Nigeria gibt es viel Armut, obwohl es nicht zu den Entwicklungsländern gehört. Aber dein Kind nach Europa zu schicken, damit es hier seinen Körper verkauft, damit du leben kannst, ist kein Ausweg und keine Lösung. Wir würden gerne mit Hilfe der Kunst die Leute unterstützen, zum Beispiel Stipendien anbieten, ich selbst werde auch ein Buch schreiben.