Frankfurt - Die Europäische Zentralbank (EZB) wird nach Einschätzung von Experten am Donnerstag die Weichen für die nächste Zinserhöhung stellen. Im März dürfte der Leitzins auf 3,75 Prozent erhöht werden, viele Volkswirte rechnen mit einem weiteren Zinsschritt im Juni auf vier Prozent.

Nach sechs Zinsanhebungen auf derzeit 3,5 Prozent nähert sich die EZB langsam dem Ende ihrer Erhöhungsrunde - vorausgesetzt, die Konjunktur schwächt sich wie erwartet etwas ab, die Löhne steigen nur moderat, und der Ölpreis schnellt nicht wieder in die Höhe. Dann würde sich die Inflationsgefahr in Grenzen halten. Zwei weitere Zinsschritte seien aus Sicht der EZB noch nötig, sagt Stefan Bruckbauer, Volkswirt von der BA-CA. Mit dem derzeit noch robusten Wachstum seien kräftigere Lohnerhöhungen zu erwarten. Die Unternehmen könnten sich erlauben, Preise anzuheben. "Aber das Wachstum wird nicht in den Himmel reichen, im Sommer ist für die EZB dann Schluss."

Etwa die Hälfte der monatlich von Reuters befragten Analysten sehen den Zinsgipfel bei vier Prozent oder etwas mehr erreicht, die anderen halten den nächsten Zinsschritt für den letzten.

Die WestLB hat ihre Zinsprognose erst vor Kurzem auf vier Prozent heraufgesetzt. Zum einen schwäche sich die US-Konjunktur und mit ihr der Dollar nicht so stark ab wie befürchtet, sagt Volkswirt Holger Sandte. Zum anderen werde der Konjunkturdämpfer Mehrwertsteuererhöhung in Deutschland von robusten Exporten und Investitionen ausgeglichen. "Die EZB wird kribbelig, weil die Kapazitätsauslastung zunimmt", sagt Sandte. Die Firmen könnten die Preise bald stärker erhöhen, wie an der jüngsten Umfrage unter Industrie-Einkaufsmanager zu erkennen ist.

Die Analysten vermuten außerdem, dass die EZB auch aus Furcht vor Vermögenspreisblasen in Folge der reichlichen Geldschöpfung der vergangenen Jahre die Bankenrefinanzierung verteuern will. "Bevor das Kreditwachstum nicht erkennbar niedriger wird, hat die EZB keine Bedenken über Zinserhöhungen", sagt Bruckbauer. Mit einem Plus von 10,7 Prozent zum Vorjahr schwächte sich die Kreditexpansion im Dezember kaum ab.

Ein wichtiger Punkt für die Währungshüter sei außerdem der Lohnanstieg, sagt Holger Schmieding, Europa-Chefvolkswirt der Bank of America in London. "Wenn die abnehmende Arbeitslosigkeit und die bessere Wirtschaftslage die Lohninflation beflügelt, schrillen die Alarmglocken." Solange der Lohnzuwachs 2007 im Euro-Raum von gut zwei nur auf maximal drei Prozent klettere, müsse die EZB nicht über einen Schlüsselzins von vier Prozent hinausgehen. Dies hält Schmieding für die Obergrenze eines neutralen Zinsniveaus, bei dem die Konjunktur weder gebremst noch angeschoben wird. (Reuters, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.2.2007)