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Foto: APA/dpa/Sebastian Widmann
Regelmäßig veranstaltet das EURES (European Employment Service) gemeinsam mit der Ärztekammer Informationsabende, zu der medizinische Leiter und Chefärzte jener ausländischen Kliniken eingeladen werden, die dringend Ärzte suchen. Sie präsentieren "ihr" Haus, schildern, was man zu erwarten hat (und was nicht), und bieten schlussendlich konkret freie Stellen an. Damit hatte Vanessa Hammerl, als sie kurz nach Abschluss ihres Medizinstudiums im März 2005 eine Veranstaltung in Graz besuchte, nicht gerechnet. Chance ergriffen

"Ich wollte nach meinem Studium sofort zu arbeiten beginnen und keine Zeit verlieren. Über 50-mal habe ich mich an Spitälern in ganz Österreich beworben." Erfolglos, nur Absagen flatterten der Jungmedizinerin ins Haus. Als dann einer der Chefärzte der Moritz-Klinik in Bad Klosterlausnitz von den beruflichen Möglichkeiten erzählte, war das Interesse der Grazerin sofort geweckt. "Als er mir dann einen Job als Stationsärztin angeboten hat, habe ich nicht lange überlegt, sondern sofort zugesagt, obwohl ich nicht einmal wusste, wo Bad Klosterlausnitz überhaupt liegt."

Umzug mit Erfolg

Nur acht Tage später übersiedelte die entschlussfreudige Ärztin nach Thüringen und trat am nächsten Tag ihren ersten Dienst an. "Ich hatte von Anfang an eine hohe Bereitschaft, mich örtlich zu verändern." Dabei wäre es für sie egal gewesen, ob sie in Vorarlberg tätig sein werde oder eben im deutschen Nachbarland, erklärt Hammerl ihre spontane Entscheidung, die sie bis heute in keiner Weise bereut. "Ich arbeite hier in einer wunderschönen, ganz modernen Klinik. Die Arbeitsbedingungen sind hervorragend und die Kollegen mir gegenüber äußerst offen."

Bleiben oder zurück

Die Steirerin wird an der großen Rehabilitationsklinik zur Fachärztin für Neurologie ausgebildet. Ist sie erst einmal fertige Fachärztin, kann sie problemlos auch in Österreich als Neurologin arbeiten. Ein Umstand, der für die Medizinerin aber gar nicht mehr von Relevanz ist – vor allem, seitdem ihr Mann nach Thüringen nachgezogen ist. Der Verdienst liegt zwar im ehemaligen Ostdeutschland immer noch unter dem österreichischen und westdeutschen Schnitt – die Lebenserhaltungskosten aber genauso, und zwar deutlich.

Abgesehen davon ist für Vanessa Hammerl nicht das Geld, sondern die Lebensqualität insgesamt entscheidend: "Wir kommen nicht mehr nach Österreich zurück. Mir geht es hier 100-mal besser, ich erfahre sehr viel Wertschätzung und habe beruflich noch so viele Möglichkeiten."

Erwartungen prüfen

Seit einigen Monaten lebt sie nicht mehr in der kleinen Dienstwohnung in Bad Klosterlausnitz, die man ihr seitens des Spitals zur Verfügung gestellt hatte. Sie und ihr Mann haben sich eine eigene Wohnung in dem 30 Kilometer entfernten Jena gekauft und genießen die Vorteile der Stadt und Freizeitaktivitäten im Freundeskreis.

Ganz wichtig sei es, dass man vor der Entscheidung realistisch über Arbeits- und Lebensbedingungen informiert werde, ist Hammerl überzeugt, denn falsche Erwartungshaltungen führen auf beiden Seiten zu Frustrationen. Bei ihr war das nicht der Fall, im Gegenteil: "Ich kann nur jeden ermutigen, den Schritt über die Grenzen zu wagen. Man lernt viel, und es ist jedenfalls besser, als nichts zu tun." (Judith Hecht, Der Standard, Printausgabe, 10./11.02.2007)