Ein neuer Handke ist ein Ereignis, immer noch. Seit diese Woche seine "Vorwintergeschichte" Kali erschien, rauscht es wieder im Blätterwald. Das Buch wird mehrheitlich positiv besprochen, Handke als Schriftsteller wohlwollend und respektvoll aufgenommen. Allerdings kommt kaum ein Rezensent darum herum, auf die zweifelhafte Rolle Handkes als politischer Kommentator der Kriege im ehemaligen Jugoslawien und des Dichters bis zur Obsession gesteigerte Forderung "Gerechtigkeit für Serbien" hinzuweisen.

Zerfallskriege

Kaum ein Schriftsteller hat sein Werk durch tagesaktuelle Einlassungen so beschädigt wie Handke. Doch ging es bei diesem Literaturstreit, der 1996 mit Handkes winterlicher Reise "zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina" begann, von Anfang an um mehr als die Frage, wer nun die Schuld an den jugoslawischen Zerfallskriegen trägt. Im Kern ging es um die Priorität der Weltwahrnehmung. Sind es die Medien, welche die Welt konstruieren, oder ist es vielmehr der Dichter, der die tiefere Wahrheit der Geschehnisse ergründen, die "Seele der Geschichte" ausleuchten kann?

An sich eine interessante Frage, wenn die Fronten nicht so verhärtet wären und Handke nicht immer wieder Öl ins Feuer gegossen hätte – etwa in Die Tablas von Daimiel. Ein Umwegzeugenbericht zum Prozess gegen Slobodan Milosevic (€ 6,20, edition suhrkamp), einem heftig umstrittenen Text, der vor zwei Jahren in der Zeitschrift Literaturen publiziert wurde und seit ein paar Monaten auch in Form eines schmalen Bändchens vorliegt. Um was geht es? Handke war einer von 1600 Zeugen, die von der Verteidigung Milosevics benannt wurden.

In den Tablas erklärt Handke, weshalb er dem internationalen Jugoslawien-Tribunal nicht als Zeuge Rede und Antwort stehen wollte, und warum er sicher ist, dass das Gericht, "so viel es auch formal Recht sprechen mag, von Anfang, Grund und Ursprung falsch ist und falsch bleibt und das Falsche tut und das Falsche getan haben wird". Weiters schildert er einen rund dreistündigen Besuch beim monologisierenden Milosevic im Gefängnis des Haager Tribunals in Scheveningen.

Selbstreflexive Passagen

Interessant ist der Text immer dort, wo er poetisch wird, etwa ganz am Schluss, wo das Elend serbischer Flüchtlinge beschrieben und mit einer in Spanien durch den Menschen zerstörten Wasserlandsachft (den Tablas von Daimiel) in Beziehung gesetzt wird. Lesenswert sind auch einige selbstreflexive Passagen, in denen Handke von so etwas wie einer Wutspirale schreibt, die zuweilen in Gang kommt, wenn "ich in einer Äußerung oder Handlung gegenüber dem und jenem, andern eine Grenze überschritten, gar übersprungen habe". (Von Stefan Gmünder/Album, DER STANDARD, Printausgabe, 10./11.2.2007)