Wien - Die am gestrigen Dienstag erfolgte Auslieferung Elsners von Frankreich nach Österreich ermöglicht einen gemeinsamen Beginn der Verhandlung gegen die insgesamt neun Angeklagten in der "Causa BAWAG". Vor Elsners Auslieferung war auch die Möglichkeit einer Zweiteilung des Verfahrens ins Auge gefasst worden. Die Staatsanwaltschaft legt den insgesamt neun Angeklagten in abgestufter Form und teilweise als Beteiligungstäter Untreue, schweren Betrug und Bilanzfälschung zur Last. Der inkriminierte Gesamtschaden wird mit 1,5 Mrd. Euro beziffert, der Strafrahmen reicht im Falle einer Verurteilung bis zu zehn Jahren Haft.

Anklage gegen neun Personen

Konkret hat die Staatsanwaltschaft Wien in der Causa BAWAG Anklagen gegen Ex-BAWAG-Generaldirektor Helmut Elsner und acht weitere Personen erhoben. Es handelt sich großteils um frühere BAWAG-Manager, darunter Elsners Nachfolger an der BAWAG-Spitze Johann Zwettler, seine ehemaligen Vorstandskollegen Christian Büttner, Peter Nakowitz, Hubert Kreuch und Josef Schwarzecker, den früheren BAWAG-Aufsichtsratspräsidenten und ÖGB-Finanzchef Günter Weniger sowie Investmentbanker Wolfgang Flöttl sowie der Bilanzprüfer Robert Reiter, der seit 1993 die Jahresabschlüsse der die BAWAG geprüft hat. Wegen vorliegender Einsprüche ist die Anklage noch nicht rechtskräftig. Der ehemalige ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch ist nicht angeklagt, gegen ihn wurde wegen Untreue ermittelt. Für alle Beklagten gilt naturgemäß die Unschuldsvermutung. Die 122 Seiten starke Anklageschrift wurden den Beschuldigten Ende Oktober per Einschreiben zugestellt. Der Akt selbst ist außergewöhnlich umfangreich, laut Schätzungen soll er zwischen 70.000 und 100.000 Seiten umfassen. Anderen Quellen zufolge umfasst der Akt 68 Ordner unterschiedlichen Umfangs.

Anklage noch nicht rechtskräftig

Die Anklage ist noch nicht rechtskräftig, weil Elsners Anwalt Wolfgang Schubert zusammen mit anderen Beschuldigten fünf Einsprüche dagegen vorgebracht haben. Über diese Einsprüche muss das Oberlandesgericht (OLG) Wien als letzte Instanz entscheiden. Wann diese Entscheidung erfolgen wird, ist laut Staatsanwalt Georg Krakow noch offen. Die Bearbeitung der Einsprüche könnte bis zu "mehrere Wochen" in Anspruch nehmen, wurde in Aussicht gestellt. Laut Anklage war die BAWAG "bei redlicher Betrachtungsweise" Ende 2000 zahlungsunfähig. Dessen ungeachtet hatte Elsner noch im November 2000 vom Aufsichtsrat eine Gehaltserhöhung von 500.000 Euro begehrt, was Staatsanwalt Georg Krakow als "Unverfrorenheit" bezeichnete. Erst wenige Wochen zuvor habe sich der BAWAG-Generaldirektor eine millionenschwere Pensionsabfindung genehmigt, ohne den Aufsichtsrat über die Millionen-Verluste aus den Karibik-Deals zu informiert zu haben.

Duett der Macht

Elsner und Weninger werden in der Anklageschrift wörtlich als "Duett der Macht" tituliert, deren Führungskultur demnach "durch Intransparenz, autoritatives Management und informelle Absprachen gekennzeichnet war". Nach Darstellung von Staatsanwalt Krakow war ihnen der Aufsichtsrat dabei durchaus behilflich: "Verantwortung zu tragen war niemals Sache der Mitglieder dieses Kontrollgremiums der BAWAG gewesen." Elsner habe sich "auf die Aufsichtsräte in dem Sinn 'verlassen' können, dass sie keine Fragen stellten." Flöttl wird in der Anklageschrift als Spekulant beschrieben, dem bis 1998 "die meisten in der BAWAG" blind vertraut hätten. Nach den ersten Verlusten sei Flöttl in die wirtschaftliche Abhängigkeit der Bank geraten, was Elsner "weidlich" ausgenützt habe. Flöttls Geschäfte für die BAWAG nennt der Staatsanwalt "desaströs". (APA)