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Der Bombenanschlag forderte 191 Menschenleben

Foto: REUTERS/Kai Pfaffenbach
Ob der "Monsterprozess" gegen 29 Angeklagte, die verdächtigt werden, mit ferngezündeten Bomben 191 Fahrgäste der Madrider Schnellbahn getötet und fast 2000 verletzt zu haben, die Hintergründe des Massakers restlos klären kann, ist eine der Fragen, die sich Überlebende – fast drei Jahre nach dem 11. März 2004 – immer wieder stellen.

Dem heutigen Beginn des Verfahrens, dem eine Anklageschrift von 90.000 Seiten zu Grunde liegt, blickt ein Betroffener mit gemischten Gefühlen entgegen: "Ich möchte nicht hingehen", sagte der 52-jährige Jesus Ramirez im Gespräch mit dem Standard, "weil ich nicht sicher bin, ob ich dem Blick der Beschuldigten gewachsen bin. Dennoch ist es gut, dass der Prozess endlich beginnt."

Als Zeugen geladene Terroropfer erhielten von Psychologen eine Einschulung, um das Trauma der Begegnung mit den Angeklagten zu bewältigen. Angehörige der Opfer können den Prozess in einem gesonderten Raum verfolgen, auch sie werden psychologisch betreut. Das von den Attentätern in vier Zügen auf der Fahrt zum Bahnhof Atocha verursachte Massaker hat Spaniens Innenpolitik nachhaltig verändert. Während die konservative Regierung unter Premier José María Aznar in den Stunden nach den Anschlägen die baskische Eta verantwortlich machte, gab die Sozialistische Partei (PSOE) Zapateros der Beteiligung am Irakkrieg die Schuld am mutmaßlichen Racheakt islamistischer Terroristen. Die drei Tage später angesetzten Parlamentswahlen brachten dem sozialistischen Herausforderer José Luís Rodríguez Zapatero den Sieg.

Das Datumskürzel 11-M ist seither ebenso als Symbol der Solidarität mit den Opfern geläufig, wie als Anspielung auf den offenen Konflikt, der Regierung und oppositionelle Volkspartei (PP) entzweit: Die Konservativen geben den Attentaten die Schuld an der überraschenden Wahlniederlage und schließen bis heute eine „Verschwörung“ mit Eta-Beteiligung bei der Vorbereitung der Attentate nicht aus.

Eta-Mitglieder geladen

Die Tatsache, dass wenige Tage vor Beginn des "Jahrhundertprozesses" ein neuerliches Sprengstoffgutachten in Auftrag gegeben wurde, um dessen Herkunft aufzuklären, wird – ebenso wie die Ladung von vier Eta-Terroristen als Zeugen – als Versuch der Richter gewertet, einer Anfechtung des Verfahrens vorzubeugen.

Die offenen Fragen, die den Prozess gegen die Angeklagten aus Marokko, Algerien, Syrien, Ägypten und Spanien überschatten, führten während des Ermittlungsverfahrens zu heftigen parlamentarischen Auseinandersetzungen.

Das Verfahren gilt als einer der größten Terrorprozesse Europas. 610 Zeugen und mehr als hundert Experten sollen vom Gericht angehört werden. Die Angeklagten, denen die Mitgliedschaft in oder die Zusammenarbeit mit einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen wird, erwarten Strafanträge zwischen vier und 38.656 Jahren. Den sieben Haupttätern drohen Haftstrafen von bis zu 270.600 Jahren. Anklage und Verteidigung schicken insgesamt 49 Vertreter in den Gerichtssaal, der gesamte Prozess wird live im spanischen Fernsehen übertragen. Die Regierung hat anlässlich der Verhandlung die Terrorwarnstufe angehoben. Der Urteilsspruch des Dreiersenats, der frühestens im Oktober erwartet wird, soll – so Richter Javier Gómez Bermúdez – "die Zweifel ein für alle Mal ausräumen". (Josef Manola aus Madrid, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 15.2.2007)