Paris/Berlin - Mit dem angekündigten Truppenabzug von Briten und Dänen aus dem Irak befasst sich am Donnerstag die internationale Presse:

"Le Figaro" (Paris)

"Bewaffnet mit guten Absichten und messianischen Überzeugungen wollte der britische Premier Tony Blair ganz wie US-Präsident George W. Bush den Irak und den Mittleren Orient zur westlichen Demokratie bekehren. Vier Jahre nach dem Beginn des irakischen Abenteuers zieht er sich aus einem Land zurück, das mitten im Bürgerkrieg steckt. Die Aufbaubemühungen sind nicht von der Stelle gekommen, und der Iran wird offensichtlich von dem Vakuum profitieren, das die britische Armee zurücklässt. Bush hat zweifellos alles getan, um den britischen Rückzug hinauszuzögern. Während er der öffentlichen Meinung und dem feindlich gesinnten Kongress eine Erhöhung der amerikanischen Truppen im Irak aufdrückt, isoliert ihn diese Entscheidung Blairs noch mehr."

"Basler Zeitung"

"Mit einem geordneten Rückzug erwirbt ein Feldherr keinen historischen Ruhm. Zu Unrecht: Rückzug im rechten Moment beugt oft der Niederlage vor. Tony Blair hat dies begriffen und beginnt mit dem Truppenabzug aus dem Irak. (...) Der Mann, der sich 2003 dem Feldzug von US-Präsident Bush bedenken- und bedingungslos angeschlossen hatte, zieht nun die Notbremse. Blair will offenbar als halbwegs honorable Figur im Geschichtsunterricht erwähnt werden. (...) Die Kehrtwende zeigt aber auch, dass der US-Präsident mittlerweile alleine steht mit seiner Beurteilung der Lage im Irak."

"Politiken" (Kopenhagen)

"Die dänische Regierung legt das Ruder um, weil der Irak das geworden ist, was man im Politikerjargon einen hoffnungslosen Fall nennt. (...) Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen möchte nächstes Mal gern wiedergewählt werden, während US-Präsident Bush ja nicht mehr für sein Amt kandidieren kann. Der innenpolitisch hoffnungslose Fall in Dänemark bedeutet für die Iraker die Fortsetzung einer Tragödie. Die Lage dort wird immer schlimmer, und niemand kann einen Ausweg sehen. Die Skeptiker haben leider noch stärker Recht behalten, als sie selbst ahnen konnten."

"Luxemburger Wort"

"Blair liegt mit dem Rückzug auf einer Linie mit den Demokraten im US-Kongress. Gleiches gilt für Dänemarks Totalabzug. Mit dem Weißen Haus wurden die Pläne lediglich abgestimmt. Ausdrücklich begrüßt wurde der Abzug nur im mehrheitlich schiitischen Basra. Innenpolitisch stehen Blair und Bush mit dem Rücken zur Wand. Der Druck auf die Republikaner, einem raschen Abzug auch der GIs zuzustimmen, wird durch die Downing-Street-Pläne mitten im US-Vorwahlkampf nun noch größer."

"Stuttgarter Zeitung"

"Blair wird durch die Ankündigung des Rückzugs der britischen Truppen aus dem Irak sein Bild in den Geschichtsbüchern kaum mehr korrigieren können. Er wollte Großbritannien ins Euroland führen, in das Herz Europas, wie er selbst sagte. In Wahrheit hat er das Vereinigte Königreich zum Flugzeugträger Amerikas gemacht."

"Der Tagesspiegel" (Berlin)

"Nach einer mit den Amerikanern koordinierten Aktion sieht das nicht aus. Selbst wenn die Situation im mehrheitlich schiitischen Süden bei weitem nicht so kritisch ist wie in Bagdad, der umkämpften Hauptstadt, auf die die US-Truppen nun ihre Anstrengungen konzentrieren, so ist die symbolische Wirkung doch deprimierend für Amerikaner und Iraker. Blair will offenbar seinen Schreibtisch aufräumen, bevor Nachfolger Gordon Brown den Stab übernimmt. Dafür lässt er es sogar auf einen Riss mit George W. Bush ankommen. (...) Der Ernst der Lage dürfte Iraks Regierung jedenfalls nicht entgangen sein. Die inneramerikanische Debatte der letzten Monate hat gezeigt, dass dies die letzte US-Offensive vor einem abgestuften Rückzug ist."

"The Guardian" (London)

"Großbritannien baut seine Zelte ab, ohne die 2003 aufgenommene Mission, das Land umzuwandeln, erfüllt zu haben. Großbritannien plant seinen Truppenabzug, ohne eine stabile Demokratie errichtet zu haben. Großbritannien zieht ab, ohne die schwachen politischen Strukturen und irakische Soldaten und Polizisten in die Lage versetzt zu haben, den Druck, der nun auf ihnen lastet, bewältigen zu können. Der Premierminister (...) sollte nicht die Verantwortung von Großbritannien nehmen, sein eigenes Kapitel abzuschließen."

"The Daily Telegraph" (London)

"Die erste Reaktion auf den angekündigten Truppenabzug muss Erleichterung sein. Das Versagen der von den USA geführten Koalition, ausreichende Kräfte einzusetzen, um das Land zu beruhigen, hat unsere Streitkräfte in die wenig beneidenswerte Situation gebracht, kaum im Stande zu sein, gegen vom Iran unterstützte Milizen, sich bekriegenden Stammesgruppen und Kriminalität anzukommen. Aber was, wenn die irakische Armee dazu selbst nicht im Stande ist und es zu einem Bürgerkrieg kommt? Die Zeit des Truppenabzugs könnte dann gefährlicher für unsere Truppen sein, als alles bisher. Die Erleichterung darüber, dass unsere Burschen nach Hause kommen, ist beeinträchtigt von dieser Angst - und der furchtbar ungewissen Zukunft für den Süden Iraks."

"Frankfurter Rundschau"

"Welche Begründungen, welche Rechtfertigung der Regierungschef auch für seinen Rückzugsbefehl wählen mag, seine Landsleute sind schlicht erleichtert, dass sich das Irak-Engagement Britanniens einem Ende nähert. Was aus dem Irak werden soll, ist keine Frage, die sich viele stellen. Wie sich das Königreich dem beängstigenden Strudel der Gewalt im Irak - und den Folgen seiner eigenen Taten - entwinden könne, schon eher. (...) Was es Blair letztlich möglich machte, über seinen Schatten zu springen, war das rasch näher rückende Datum für den eigenen Abgang aus der Regierungszentrale."

"La Repubblica" (Rom)

"Bisher hatte Blair immer erklärt, die britischen Truppen würden im Irak bleiben, solange die irakische Regierung ihre Präsenz zur Bekämpfung des Terrorismus für nötig halte. Eine Position, die der von Bush ähnelt. Allerdings war zuvor bereits eine Differenz in der Einschätzung der beiden Alliierten sichtbar geworden: Als das Weiße Haus seine Pläne zu einer Aufstockung des Kontingents im Irak bekanntgab, hat Blair darauf verzichtet, ebenfalls eine Aufstockung vorzusehen. Der Krieg im Irak war der Hauptgrund für den Popularitätsverlust Blairs."

"La Croix" (Paris)

"Der Irak-Krieg hat sich ausgeweitet, obwohl doch das Gegenteil mit der Zeit hätte geschehen sollen. Er hat den Iran kühner gemacht, die Spannungen im Libanon verschärft, die Aufgabe der internationalen Truppen in Afghanistan erschwert und dafür gesorgt, dass sich die Gegensätze in den palästinensischen Gebieten herauskristallisieren. Ein Verbündeter der Amerikaner zu sein, dieselben Werte zu teilen, mit dieser großen Demokratie Solidarität zu üben und den Terrorismus zu verabscheuen, all das heißt nicht, allem zuzustimmen. Der britische Premier Tony Blair beginnt, das zu begreifen." (APA/dpa/AFP)