Von Sigi Lützow

Standard: Bis zum Wochenende sind ausschließlich die Langläufer am Wort. Standard: Wie gefällt Ihnen die WM in Sapporo bisher? Irgendwelche Einwände?

Behle: Wir können uns eigentlich nur über die wenigen Zuschauer beklagen. Da war die WM 2005 in Oberstdorf anders. Aber dass hier jeweils nur wenige hundert Menschen bei den Bewerben sind, ist eine erwartete Enttäuschung. Die Japaner haben kaum zugkräftige Athleten.

Standard: Kritik gab es auch an den Sportstätten, sind die Loipen in Ordnung?

Behle: Gegen das Wetter, das die Verhältnisse schnell ändert, kannst du nichts machen. Die Strecken sind schon in Ordnung, sie sind vielleicht etwas leicht, aber recht gut hergerichtet.

Standard: Ihre Athleten haben mit Silber im Teamsprint der Damen sowie Gold und Silber in der Doppelverfolgung der Herren sehr gut begonnen. Was kommt noch nach?

Behle: In Wahrheit waren das schon unsere wichtigsten Bewerbe. In allen anderen Rennen kommen jetzt die reinen Skating- und Klassikspezialisten dazu. Es wird schwieriger.

Standard: Die Blutkontrollen haben zu etlichen Schutzsperren bei der WM geführt. Was muss man daraus schließen?

Behle: Es ist schon seltsam, dass es bisher in dieser Saison noch keine Sperren gegeben hat. Aber die WM ist eben ein Großereignis, da wird eher etwas versucht.

Standard: Es wird gedopt?

Behle: Wir befinden uns hier nicht in der Höhe, praktisch alle Langläufer sind schon länger im Land, kommen also nicht aus dem Höhentraining, das solche Werte erklären könnte. Allerdings darf man keine voreiligen Schlüsse ziehen. Der Stress und die Zeitumstellung können sich auch auswirken. Außerdem müssen ohnehin alle zur Dopingkontrolle. In Turin waren wir ebenfalls von einer Schutzsperre betroffen, es wurde schlussendlich aber nur eine russische Biathletin des Dopings überführt. Der eigentliche Kampf gegen Doping wird ja mit Trainingskontrollen geführt. Wir waren heuer auch schon etliche Male dran.

Standard: Die Dopingrazzien gegen Österreichs Biathleten und Langläufer sind mehr als ein Jahr her. Wie beurteilen Sie die Sache nachträglich?

Behle: Fakt ist, dass es da eine extreme Aktion der Carabinieri gegeben hat. Das Ergebnis der Untersuchungen wäre langsam fällig. Auch da wurden Athleten um ihre Chancen gebracht, aber solche Dinge tragen zur Abschreckung bei. Die großen Sachen wie der Skandal um die Finnen bei der WM 2001 in Lahti oder um Johann Mühlegg im Jahr darauf in Salt Lake City liegen schon länger zurück. Denn irgendwann erwischen sie jeden.

Standard: Österreich ist nach den Erfolgen von Nagano, der Ramsau und Salt Lake City etwas zurückgefallen, in Ihrer Mannschaft hingegen werden beständig Spitzenresultate erzielt. Sind Sie einfach ein so guter Trainer?

Behle: Es gibt immer Wellentäler, in so einem dürfte Österreich jetzt sein. Es war einmal eine ideale Gruppe von Athleten da, die sich gegenseitig gepusht haben. Von denen sind einige nicht mehr da, also gibt es auch weniger Erfolge. Wir haben jetzt so eine Gruppe, ganz wenige Leute, und wir werden auch wieder in die Situation kommen, dass es nicht nach Wunsch läuft.

Standard: Bei den Damen sieht es in Österreich noch düsterer aus. Es gibt gerade eine WM-Teilnehmerin.

Behle: Und die ist geliehen.

Standard: Sie sind jedenfalls in einer besseren Situation, schon durch die Größe des Landes.

Behle: Ja, wir haben mehr Langläuferinnen, aber viel mehr auch wieder nicht. Bei Meisterschaften habe ich auch mal nur zehn Frauen am Start, und davon kommen noch welche aus dem Hobbysport. Man muss sich trotz unserer 85 Millionen Einwohner vor Augen halten, wie viele überhaupt für den Sport infrage kommen, weil sie in den geeigneten Regionen leben. Außerdem ist dieser Sport insbesondere für Frauen schon sehr hart. Die Frage ist, wie wir junge Menschen dazu bewegen können.

Standard: Durch Vorbilder?

Behle: Vorzeigefrauen, wie wir sie im Biathlon häufiger haben, helfen schon. Aber im Gegensatz zu den Skandinaviern, die jedes Jahr bis dahin völlig unbekannte Spitzenleute herausbringen, darf ich kein einziges Talent verlieren. Das gilt auch für Österreich.

Standard: Welche Bedeutung hat der Begriff Talent im Langlauf?

Behle: Man kann es drehen und wenden wie man will. Das größte Talent, das ein Langläufer oder eine Langläuferin haben kann, ist das Talent, sich zu quälen. (DER STANDARD PRINTAUSGABE 28.2. 2007)