Als Ostpreußen zum Jahreswechsel 1944/45 von der Roten Armee gestürmt wurde, war es natürlich an den herb-schönen Schlossgräfinnen, zuvörderst Haltung und stillen Unternehmungsgeist zu bewahren.

Nach Genuss des ersten Teils von "Die Flucht" auf ORF 2 scheint klar: Anstatt das namenlose Leid der Zivilbevölkerung zu beleuchten und Ursachen herauszustellen, zeigt man lieber morphinistische Lokaladelige beim Steiftanz auf dem Nazi-Vulkan. Hell klingen die Violinen, wenn das Gesinde die Leiterwagen besteigt. Man ahnt, dass die Gräfin in der körperlichen Begegnung mit einem Zwangsarbeiter ihre Unbeugsamkeit, aber auch ihre Hingabe unter Beweis stellen wird ...

Ansonsten bleibt in Wahrheit nichts zu tun, als vor dem ORF den Hut zu ziehen: Der sonntägliche Themenabend über die Vertreibung der "Volksdeutschen" war in seiner Kombination aus dokumentarischer Aufbereitung und beredter Zeugenschaft (in Offen gesagt) ein so genanntes Highlight.

Nicht nur, dass die Vertreter der Landsmannschaften vergleichsweise ruhig und besonnen argumentierten - mit Blick auf das "Machbare" in einer hoffentlich ohnedies zusammenrückenden Wertegemeinschaft namens EU.

Es blieb Barbara Coudenhove-Kalergi (als 1945 Vertriebene) vorbehalten zu sagen: Sie habe die Diskussion "satt". Sie habe die Vertreibungsopfer der Gegenwart im Kopf, wenn sie an das Thema denke. Haltung ist nicht automatisch adelig, sondern Ausweis demokratischer Gesinnung. (poh/DER STANDARD; Printausgabe, 6.3.2007)