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Ein notenfauler Charmeur: Kris Kristofferson.

Foto: Reuters/ Chris Pizzello

Wien – Vor dem Konzert und während der Pause zeigte sich, dass der Unterschied zwischen Country und Western doch noch nicht so richtig vermittelt ist: Alles, was die heimische Winnetou- und Old-Shatterhand-Fangemeinde zwischen Ottakring und der No Name City, dem Kinderspielplatz für derlei Freizeitvergnügen an der Südautobahn, beschäftigt, drängte eher unlocker und keinem Körperduell aus dem Weg gehend in den Großen Saal des Wiener Konzerthauses, um sich von Kris Kristofferson die Absolution für diverse Raulederherrenhandtascherln, Dolly-Parton-Frisuren und/oder Fransengilets (Rauleder, logisch) sowie zahlreiche Hüte mit Vorgarten zu holen. Diese haben sie zwar nicht bekommen, das aber wohl auch dieses Mal wieder nicht bemerkt. Aber vor Kris Kristofferson sind wir alle gleich.

Dieser neben seinem Nachbarn Willie Nelson und Lee Hazlewood letzte Große des Country bestreitet seine aktuelle Europatournee im Alleingang. Etwas, das seit der American Recordings-Serie von Johnny Cash unter der Aufsicht von Rick Rubin neben fünf Meisterwerken vor allem auch eine Reduktion auf das Wesentliche bedeutete, nämlich die narrative Qualität eines Songs.

Humanismus, pointiert

Was für ein begnadeter Songwriter, Erzähler und Interpret der 1936 in Texas geborene und heute in Hawaii lebende ewige Nashville-Outlaw ist, bewies Kristofferson eindrucksvoll. Seine von einem tief empfundenen und immer wieder pointiert formulierten Humanismus geprägten Songs präsentierte "Double K", merklich ohne vorher viel Zeit mit Üben verschwendet zu haben: "Help me make it through tonight", modifizierte er deshalb einen seiner größten Hits.

Seine notenfaul und mit reduziertem Mundharmonikaeinsatz ("It ain't Dylan, but it's all I got") vorgetragenen Songs, überschritten deshalb kaum die Zwei-Minuten-Grenze, endeten oft mit einem grinsenden Kopfschütteln angesichts der eigenen Imperfektion oder mit launigen Entschuldigungen: "Wenn ihr mitklatscht und aus dem Takt gerät, dann ist das nicht eure Schuld. Es liegt an mir."

Aber wer mit Songs wie "For The Good Times", "The Silver-Tongued Devil", "The Pilgrim: Chapter 33 (Hang In, Hopper)", "Me And Bobby McGee" – in dem er mit der Zeile "good enough for Janis" an die den Titel berühmt gemacht habende Janis Joplin erinnerte – oder dem allen verkaterten Sonntagsmuffeln Halt bietenden "Sunday Morning Coming Down" ins Rennen geht, hat ohnehin schon gewonnen.

Zu diesen Klassikern reichte der auch als Schauspieler (von "Alice Doesn't Live Here Anymore" über "Lone Star" bis "A Soldier's Daughter Never Cries" u. v. a.) erfolgreiche Grauhaarige Songs seines im letzten Jahr erschienen Albums "This Old Road" (Vertrieb: Hoanzl), auf dem Kristofferson in tollen Stücken wie "Pilgrim's Progress" mit der derzeitigen US-Regierung abrechnet.

Das tat er auch in zahlreichen Wortmeldungen: "The land of the free has more people behind bars than any other country on the planet. Hey, we're number one!" Der gute bis hervorragende Rest, den er allein aus dem Licht kegel in den Saal spielte, waren Titel "for Johnny Cash" und "for my kids – and their mamas". Western waren da keine dabei ... Ein fantastischer Abend! (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.3.2007)