Bei einigen wenigen Projekten im In- und Ausland kommt das Green Design bereits zum Tragen. Doch das Gros der Investoren will davon nichts wissen.

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Gewerbeimmobilien haben etwas Deprimierendes an sich. Meist geben sich die Arbeitswelten grau in grau, in jeder Fuge nistet der billige Geruch der Wirtschaftlichkeit. Viel Spielraum bietet die hart umkämpfte Liga, in der Entwickler und Investoren um die erste Reihe fußfrei kämpfen, in der Tat nicht. Von Architektur wollen die meisten Fädenzieher nichts hören, sie sprechen lieber in Zahlen: Baukosten, Rendite, Amortisation.

"Wenn Sie um sich blicken, wissen Sie oft gar nicht mehr, in welcher Stadt Sie sich gerade befinden", sagt der deutsche Architekt Friedrich Ernst von Garnier, "die neue Sprache der Gebäude klingt überall gleich." Von Garnier, der aufgrund seines sozialen und ökologischen Arbeitsschwerpunkts in Architektenkreisen oft als verklärter Romantiker bezeichnet wird, beklagt die gesichtslose Gleichheit der Städte. Manch außergewöhnlicher Topos wie etwa Rio de Janeiro sei von der modernen Investorenarchitektur gar zerstört worden.

Blick über den Tellerrand

Nur die großen Bauherren, die den Wert ihrer Marke nicht zuletzt über die Architektur kommunizieren, blicken über den Tellerrand hinaus und bemühen sich um Unverwechselbarkeit – aber auch um Ökologie, sozialen Mehrwert für ihre Mitarbeiter und all das, was in den klangvollen Topf der Nachhaltigkeit passt. Eine Möglichkeit, diesen Weg zu beschreiten, liegt im Umsetzen grüner Architektur.

Der malaiische Architekt Ken Yeang – er gilt als führender Architekt im Bereich des Green Design – bewarb sich unter vielen anderen um den Neubau der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt. Doch T. R. Hamzah & Yeang und das Partnerbüro 54f aus Darmstadt belegten hinter dem Sieger Coop Himmelb(l)au bekanntermaßen nur Platz 3. Ökologisch nachhaltig und grün hätte auch Yeangs Entwurf werden sollen: zwei Hochhaustürme, die in jedem Geschoß ein grünes Atrium aufweisen und so den floralen Freiraum bis zur Bürotür verlängern. Yeang: "Echtes ökologisches Design ist die nahtlose, liebevolle Integration unserer gebauten Umwelt in ihre natürliche Umgebung: systemisch, physikalisch und zeitlich."

Auch der französische Architekt Édouard François hat sich ganz dem Grünen verschrieben. Seinen Wohnbauten in Paris und Montpellier folgt nun ein städtebauliches Projekt in Chartres. Für die insgesamt 250 Einzelhäuser befinde man sich gerade in Gesprächen mit privaten Investoren. Genaueres möchte François jedoch noch nicht verraten. Nur so viel: "Die ganze Welt spricht von begrünten Dächern und grünen Fassaden, von Photovoltaik und Sonnenkollektoren." Mit dieser Methode seien die Möglichkeiten für Energiegewinnung jedoch begrenzt, denn die moderne Architektur sei erpicht auf maximales Volumen mit minimaler Oberfläche. Stattdessen maximiert François die Oberflächen seiner Gebäude und bedeckt diese zur Gänze mit Energie produzierenden Zellen, die von der Warmwasseraufbereitung bis hin zur tatsächlichen Stromproduktion volle Arbeit leisten.

Haus als Stromlieferant

Das Ergebnis ist ein so genanntes Plusenergiehaus, das mehr Energie lukriert als gebraucht wird. Geplant ist, den überschüssigen Strom in der ersten Dekade nach Fertigstellung dem Projektinvestor zukommen zu lassen. Danach drehe sich der Spieß um – die nicht gebrauchte Energie werde man dann an die Gemeinde von Chartres verkaufen.

Bleibt am Ende die Frage zu klären, wie man solche Mehrwert-Konzepte einem Investor schmackhaft machen kann? Sebastian Knorr von tec Architecture, das seinen Sitz in den USA und in der Schweiz hat, erklärt: "Die Zukunft unserer Städte hängt nicht zuletzt an den großen Investoren. Keine großartige Stadt dieser Welt ist ohne Kapital entstanden und groß geworden." Man denke nur an die Medici von Florenz. Die vordringlichste Aufgabe von Architekten sei daher, die "bösen" Investoren nicht zu verteufeln, sondern mit ihnen zu kommunizieren.

Lösung auf kultureller Ebene

Und was sagt Friedrich Ernst von Garnier? "Wenn man das Gespräch nur auf einer politischen und ökonomischen Ebene führt, wird man nichts erreichen. Man muss das Problem auf einer kulturellen Ebene lösen." Der Appell an die Investoren lautet daher: Man möge die Zahlen einmal beiseite lassen und erkennen, dass man als Geldgeber dieser Welt daneben auch kulturelle, soziale und ökologische Verpflichtungen hat. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.3.2007)