Nur noch einmal schlafen, dann ist es endlich so weit. Was die Österreicherinnen und Österreicher seit Jahren ersehnen, was der ORF den "Krone"- Leserinnen und -Lesern ebenso lange schuldig ist, das wird Sonntag ab 22.55 Uhr über die Bildschirme flimmern: Lebenskünstler Grasser bei Zilk. Schon am Dienstag konnte das Kleinformat nicht länger an sich halten und kündigte das Ereignis groß und mit einem Foto der beiden Lebenskünstler an, wie sie sich gemeinsam an eine Flasche vom besten Rotwein für den Gast klammern. Wäre auch eine Schande gewesen, wenn die Konkurrenz ihr das sternstündliche Zusammensein ihrer beiden Idole vor der Nase weggeschnappt hätte.

So jung kommen die beiden schließlich nie wieder zusammen, und ob überhaupt noch einmal, ist fraglich, jetzt, wo der einstige Stephansturmkletterer sich anschickt, auf der internationalen Karriereleiter noch viel höher zu steigen, ohne dass die "Krone" immer dabei sein kann. Es war also wahrscheinlich eine letzte Chance, das Lebenskünstlertum des Kristallgatten noch besser auszuleuchten, als dies zuletzt "Vanity Fair" unter Verletzung seiner Intimsphäre gelungen ist.

Warum sich Karl-Heinz Grasser eigentlich nicht als "Lebenskünstler" versteht, er aber trotzdem am 1. April in Helmut Zilks gleichnamiger Sendung zu Besuch ist, kann seinen Grund nur darin haben, dass irgendwer zu einem Aprilscherz aufgelegt war, oder im unlöschbaren Wissensdurst des "Krone"-Ombudsmans liegen. "Jetzt wollen wir was wissen!", forderte er bei der Aufzeichnung der Sendung kategorisch von seinem sich zierenden Besucher. "Ich steh' ohnehin immer im Blickpunkt und man weiß so viel über mich", stöhnte Karl-Heinz Grasser gleich zu Beginn der Aufzeichnung zur 50. Ausgabe von "Lebenskünstler". Das kommt eben davon, wenn man Wert auf eine gute Homepage legt.

Lebenskünstler: "Das war für mich jemand, der sich so durchwurstelt", gibt er eine gute Eigendefinition, die freilich offen lässt, warum er sich nicht als solcher fühlt. Doch Zilk korrigierte: "Auch jemand, der schon viel erlebt hat - und das trifft ja zu." Wie sollte es auch anders sein, bei einem so langen, abenteuerlichen Leben zwischen Wörthersee, Kitzbühel und Capri. So werden die Zuschauer vieles erfahren, was sie schon wissen, über seinen Werdegang, das Verhältnis zu seinen Ziehvätern Haider, Stronach und Schüssel, aber auch viel Neues, zum Beispiel über Politik sowie über seine Beziehung zur Sozialdemokratie und den (Ehe-) Frauen.

Mag Grasser der "Kronen Zeitung" aufgrund auswärtiger Verpflichtungen in der nächsten Zeit auch abhanden kommen, schafft das kein Problem, hat der Herausgeber doch begonnen, sich in Werner Faymann rechtzeitig geeigneten Nachwuchs heranzuziehen. Das begann, als dieser noch Wiener Stadtrat mit einem ansehnlichen Etat war, und mit dessen Übersiedlung ins Verkehrsministerium winken überhaupt rosige Zeiten. Dementsprechend reift Faymann zum Heros der Regierung heran. Straße und Schiene: Der größte Ausbau aller Zeiten, rühmte die "Krone" den größten Ausbauer aller Zeiten Dienstag nicht nur über den grünen Klee, nicht nur über zwei, nein, gleich über vier Seiten, Aufmacher versteht sich von selbst.

Es ist das größte Projekt aller Zeiten für Schiene und Straße. Mit einer Rekordsumme von 41,6 Milliarden Euro wird in den nächsten Jahren das gesamte Infrastrukturnetz Österreichs von Grund auf renoviert, reformiert und teilweise sogar neu aufgebaut. Beinahe alle (seit Jahren) angekündigten Großprojekte werden demnach realisiert, zentrale Bahnhöfe und Autobahnen gebaut, wichtige Tunnel gegraben - quer durch alle Bundesländer und Bezirke. Kurz, Österreich wird, umgegraben quer durch alle Bundesländer und Bezirke, unter Werner Faymann, dem größten Umgräber aller Zeiten, demnächst nicht wiederzuerkennen sein.

Nicht nur das. Groß angelegte Pressekonferenz Montag im Finanzministerium, denn anders als in einer solchen kann das Projekt - es ist der größte Ausbau und die größte Investition aller Zeiten - gar nicht vorgestellt werden.

Fassungslos fragte sich ein "Krone"-Redakteur, der die Größe Faymanns auch noch in einen Kommentar gießen musste: Wie konnte in 70 Tagen gelingen, was in den Regierungsjahren von Wolfgang Schüssel nicht geschafft wurde? Der hatte gleich vier Verkehrsminister verschlissen (den eigenartigen Michael Schmid, die lustige Monika Forstinger, den unbedarften Mathias Reichhold und den skurrilen Hubert Gorbach) ohne etwas weiterzubringen. Und der ehemalige Finanzminister und jetzige Lebenskünstler hat nichts gegen diesen Verschleiß unter seinem Ziehvater unternommen.

Ganz ohne ein paar typisch österreichische Verrenkungen ist das freilich nicht über die Bühne gegangen, aber für den größte Renovierer, Reformierer und Realisierer aller Zeiten kein Problem: Faymann ist es bei einer Tour durch die Bundesländer gelungen, die Prioritäten der Begehrlichkeiten auszuloten. Das muss ihm einer nachmachen! Wenn er nur nicht verschlissen wird, ehe die "Krone" auf ihre Rechnung kommt. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 31.3./1.4.2007)