Die Einweg-windel. In der Erinnerung des väterlichen Experten überall anlegbar.

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"Da oben hast du mich gewickelt, als ich noch ein Baby war. Kannst du dich erinnern?" Lilli wird im Juni fünf Jahre alt, und sie zeigt auf eine Art Durchreiche zwischen zwei Gaststuben. Na sicher kann sich der Wickler erinnern, was auch daran liegt, dass er dem Kinde mitunter und an allerlei Orten dieser Welt die gleiche Frage stellt, mit vertauschten Rollen halt, und derart dem Erinnerungsvermögen der weiland Gewickelten erst richtig auf die Sprünge hilft.

Man erinnert sich auch gern an die Zeit, als man zum Experten in der grundsätzlichsten Angelegenheit des Lebens reifte, an die Zeit, als sich zu Hause die Fachliteratur stapelte, als es nicht den Hauch einer Chance gab, sich etwa dem Geburtsvorbereitungskurs zu entziehen. Vergessen freilich ist auch die Irritation nicht, die einen ergriff, als man zu mit Lauten begleiteten Atemübungen genötigt wurde, und selbst der Hinweis, dass man der tollsten Atemtechnik zum Trotze nicht gebären werde können, nicht fruchtete.

Harte Arbeit

Expertinnen bezüglich der Schwangerschaft und der pfleglichen Behandlung von Neugeborenen mögen quasi vom Himmel fallen, Experten tun das nicht. Sie müssen sich alles hart erarbeiten und vor allem die Größe haben, den Triumph der Praxis über vorschnell herausgeschossene Theorien in Demut zu akzeptieren. In einer Zeit, als man beispielsweise längst wusste, dass die Schwangerschaft und also die Entwicklung der Ungeborenen in Wochen und nicht in Monate zu gliedern ist, war man ein kompromissloser Verfechter der Stoffwindel. Schließlich hasst man Müllberge und fand Gefallen an der Theorie, die davon handelt, dass stoffgewickelte Babys signifikant früher sauber werden als Einwegwindelgewickelte.

Windel-Prozedur

Was einerseits an der Plage für die Gewickelten liegt, weil eine Baumwollwindel punkto Saugfähigkeit gegenüber dem Fertigprodukt (Superabsorber!) dramatisch abfällt, andererseits an der Mühsal für die Wickelnden, die mit zusätzlichen Wäschebergen konfrontiert sind. Womit Wickelnde und Gewickelte gleichermaßen ein hochrangiges Interesse am Ende der Prozedur haben. Das leuchtet ein.

Wegwerfwindelfabrikanten hingegen sind daran interessiert, dass Babys so oft und so lange wie möglich gewickelt werden. Auch das leuchtet ein. In ihren Werbebotschaften sind Kleinkinder zu sehen, die offenbar vor Glück schwelgen, immer noch in der Windel herumlaufen zu dürfen.

Vom Anfänger zum Routinier

Nachdem der Experte, quasi als flankierende Maßnahme, die Schwangerschaft einer Erledigung zugeführt und das Kind brüllend das Licht der Welt erblickt hat, durchtrennt er einmal fachgerecht und sicherheitshalber vom Fachpersonal flankiert die Nabelschnur. Fachgespräche werden fortan nicht mehr mit der Hebamme, sondern mit der Säuglingsschwester geführt. Die lehrt ihn die Kunst des Anziehens und des Ausziehens und des Wickelns und nimmt ihm die Angst, ein Fingerl oder ein Zeherl abzuknicken.

Nach wenigen Tagen ist aus dem Anfänger ein Routinier geworden, der die Windel mit Gefühl so fest schließt, dass diese einerseits nicht aufs Bäuchlein drückt, andererseits das Hervorquellen von Stoffwechselprodukten verhindert. Genauso routiniert spürt er jene Drogerieketten auf, die gerade die Mutter aller Einwegwindeln im Angebot hat. Man gesteht: Im konkreten Fall schaffte es die Stoffwindel nicht, sich über ihre theoretische Version zu erheben. Weitergedreht heißt das, dass Lilli den Gewässern dieser Welt viel Waschmittel erspart und an den Müllbergen mitgebaut hat. (DER STANDARD, Printausgabe, Benno Zelsacher, 5.4.2007)