Elisabeth Gehrers (VP) Ex-Experte Günter Haider wird Experte für Bildungsministerin Claudia Schmied (SP).

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Mit ihm sprach Lisa Nimmervoll.

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STANDARD: Willkommen zurück im Ring. Bildungsministerin Schmied will Sie "in führender Rolle" in die Schulreform einbinden. Was heißt das genau?

Haider: Es gibt etliche offene Projekte wie etwa Bildungsstandards und Bildungsdokumentationsgesetz. Da bin ich eingearbeitet, sie wurden von der Zukunftskommission vorbereitet und gehören jetzt mit frischem Wind, und den merkt man im Ministerium, angepackt und umgesetzt. Und es gibt etliche neue, spannende Projekte, die Frau Schmied in Angriff nehmen will.

STANDARD: Die da wären?

Haider: Vor allem der nationale Bildungsbericht. Auch so eine endlose Geschichte. Der soll bis Ende 2008 kommen, was sehr ambitioniert ist.

STANDARD: Sie sollen bei der Umsetzung vorhandener Expertenvorschläge mithelfen. Wie viele der Zukunftskommissions-Vorschläge sind offen?

Haider: Der Großteil ist noch offen. Die Ministerin macht gerade eine Bestandsaufnahme. Es gibt genug Ideen, wenn man bedenkt, dass Industriellenvereinigung, Sozialpartner und Elternvertreter Konzepte vorgelegt haben, die in dieselbe Kerbe schlagen wie die Zukunftskommission. Jetzt geht es darum, diese Sachen umzusetzen. Da geht’s auch nicht immer ums Geld, sondern darum, neue Projekte positiv anzustoßen, was bisher nicht ausreichend passiert ist, aus welchen Gründen immer.

STANDARD: Einer dieser Gründe hat einen Namen: ÖVP, und die ist der Koalitionspartner der SPÖ, ohne den nichts gehen wird. Grund zum Optimismus?

Haider: Ich sehe in vielen Bereichen breiten Konsens: bei Bildungsstandards, Dokumentationsgesetz, nationalem Bildungsbericht, Zentralmatura, Klassenschülerzahl oder Individualisierung. Da ist das Regierungsprogramm relativ konkret.

STANDARD: Bleibt noch immer das Problem der frühen Selektion – die Gesamtschulfehde. Da ist kein Konsens in Sicht. Haider: Ich trete aufgrund der Erfahrungen und Fakten ganz klar für eine gemeinsame Schule bis 14 ein. Wir wissen um die Probleme der frühen Entscheidung über den Schulweg, um die vielen falschen Entscheidungen und die sozioökonomische Diskriminierung, die wir dort haben. International geht die Tendenz dahin, in dieser Altersgruppe heterogene Gruppen zu führen, mit einer starken individuellen Komponente, mit temporären Kleingruppen bis zur Einzelförderung.

STANDARD: Wann könnte Österreich die Gesamtschule haben?

Haider: Ein Jahrzehnt muss man schon rechnen. Eine Legislaturperiode Vorbereitung, eine Legislaturperiode Umsetzung. So eine Lösung bedarf eines breiten politischen Konsenses. Man müsste die pädagogischen Argumente, die für eine Modernisierung des Unterrichts von zehn bis 14 sprechen, viel mehr betonen – und nicht die an alten ständischen Interessen orientierten Argumente. Aber bei allen Debatten über Strukturfragen darf man nicht vergessen, der Hauptpunkt ist, einen optimalen Unterricht zu bieten. Die Senkung der Klassenschülerzahl kommt gerade recht. Sie soll Anstoß geben und eine Qualitätsverbesserung bringen.

STANDARD: Sie haben sich in der Zukunftskommission für eine gemeinsame Lehrergrundbildung ausgesprochen. Die wird’s nicht geben. Die pädagogischen Hochschulen werden Sie wohl nicht verhindern.

Haider: Da lässt sich im Augenblick nicht viel verändern, wobei man langfristig daran festhalten muss, dass Lehrer- und Kindergartenausbildung auf universitärem Niveau geboten werden müssen.

STANDARD: Die Zukunftskommission forderte auch eine "kriterienbezogene Auswahl" in der Lehrerausbildung. Welche Kriterien schweben Ihnen vor, um geeignete Kandidaten für den Lehrberuf herauszufiltern?

Haider: Ich bin dafür, dass die Bestgeeigneten gesucht werden und nicht jeder, der Lehrer werden will, auch Lehrer werden darf. Nur wer die in diesem Bereich nötige pädagogische Einstellung und Qualifikation hat, soll Lehrer werden, weil dieser Beruf mit Konsequenzen und hoher Verantwortung verbunden ist. Es gibt ja schon jetzt verschiedenste Maßnahmen: Am Studienanfang versucht man es mit realistischer Berufsinformation und Selbsteinschätzung, ob dieser Beruf auch in der Praxis das ist, was ihnen vorschwebt. Dazu müssen noch ein gewisser Ausleseprozess während des Studiums und die Behebung des Missverhältnisses zwischen Fachwissen und pädagogischem Wissen kommen.

STANDARD: Was ist da zu tun?

Haider: Man muss den Studierenden sagen, was Sache ist, und sie schnell mit der Praxis konfrontieren, bereits im ersten Jahr. Aber spätestens nach einem Jahr und ernsthaften Praxiserfahrungen sollte man den Ausbildnern die Entscheidung zutrauen, diejenigen zu benennen, die nicht geeignet sind im Umgang mit Kindern. Erfahrene Kollegen erkennen jene, die für den Beruf wenig geeignet sind. Das ist ein kleiner Prozentsatz. Parallel sollte die Lehrerausbildung attraktiver gemacht werden, etwa durch höhere Grundgehälter für jüngere Lehrer. Ein Umstieg auf ein System mit einer flacheren Gehaltskurve wäre im Moment ganz günstig möglich, weil wir wenig junge Lehrer haben, die neu einsteigen. (Lisa Nimmervoll, DER STANDARD-Printausgabe, 7./8./9. April 2007)