Obwohl man aus "Österreich" jeden Tag erfahren kann, dass es sich bei "Österreich" um die superste Zeitung aller Zeiten handelt, die Ereignisse gewohnheitsmäßig enthüllt, lange ehe sie eintreten, und das qualitätsmäßig auf einem Niveau, von dem die gesamte Konkurrenz nicht einmal zu träumen wagt, gibt es nach sechs Monaten, in denen das Blatt einer breiten Öffentlichkeit mit viel Engagement nachgeschmissen wurde, noch immer Menschen, denen es schwer fällt, den Standpunkt des Herausgebers zu teilen.

Einer davon, der Herausgeber des Branchenblattes "Extradienst" glaubte es sich nun schuldig zu sein, der Sache auf den Grund und Wolfgang Fellner an den Nerv zu gehen. Um es gleich zu sagen: Gegen Fellner hatte er einfach keine Chance. Über eine Interview-Strecke von sechs Seiten bemühte er sich hartnäckig, wenigstens in irgendeinem Punkt auf den Grund Fellnerschen Wirkens zu kommen - um am Ende in einer an das Interview gehängten Erklärung zu der resignativen Feststellung zu gelangen: Was bei Fellner-Gesprächen - so sehr ich ihn, seine Tüchtigkeit und seine Überredungsgabe schätze - einigermaßen nervt, ist das, was mir seit Anbeginn von "News" entsetzlich auf den Keks ging: der redundante Umgang mit Informationen.

Wenn einem das, was einigermaßen nervt, redundant auch noch entsetzlich auf den Keks geht, und das seit Anbeginn von "News", also schon seit geraumer Zeit, erhebt sich die Frage: Warum lässt sich Christian W. Mucha auf ein so nervenaufreibendes Vorhaben ein, wie es ein Interview mit Wolfgang "Wofe" Fellner darstellt? Er erzählt denselben Sachverhalt in jeder Antwort mindestens zwei Mal und bringt ihn bei einer anderen Frage - damit man ihn nur ja versteht - noch ein drittes Mal an.

Das könnte natürlich daran liegen, dass sich Fellner der Komplexität seiner herausgeberischen Persönlichkeit und deren Gedanken spätestens seit Anbeginn von "News" bewusst ist und weiß, wie er diese zu vermitteln hat. Da sagt man bald, "Österreich" sei wirtschaftlich bereits jetzt eine Rakete. Das kostet nichts, und erzeugt doch den Verdacht, bei Wolfgang Fellner könnte es sich um eine Art Wernher von Braun des Journalismus handeln - wenn man überhaupt dazukommt, eine Frage zu stellen, wie sich Mucha beschwert. Denn selbst mir, der ich Fellner seit über 30 Jahre (sic) kenne, gelingt das nur mit Mühe.

Ob es die Mühe der Fragestellung überhaupt lohnt, erschien Mucha, nachdem er viele Fragen gestellt hatte, zweifelhaft. Fellner ist - um es im "Österreich"-Jargon zu formulieren - der "beste und großartigste antizipierende Wunderwuzzi Österreichs", und möchte seine Antwort (in möglichst viele Sätze vertrackt) schon los werden, bevor man überhaupt den Ansatz der Frage gestellt hat. Wobei es sicher gar nicht leicht ist, neben der Frage auch noch den Ansatz zu stellen.

Ein Interviewer hat es da schwer. Mühsam ist das nicht nur für den, der an Fellners Lippen hängt (was in meinem Fall schon wortwörtlich auszulegen ist, weil ich Klimmzüge an seiner Unterlippe machen muss, um ihn daran zu hindern, mir schon wieder ins Wort zu fallen), sondern vor allem für den, der dies alles transkribiert und zur Autorisierung freigibt.

Ein gutes Interview zu führen ist schon mit Politikern nicht leicht. Wie hart es innerhalb der Branche zugeht, kann man erst ermessen, wenn man sich plastisch vor Augen führt, wie der Herausgeber des "Extradienst" - wortwörtlich auszulegen - Klimmzüge an der Unterlippe des "Österreich"-Herausgebers macht: Nicht um ihm endlich Druckenswertes zu entlocken, sondern im Gegenteil, um dem Ausufern der Unterlippenbekenntnisse eines Medienautisten Einhalt zu gebieten.

Dass das Interview dann doch noch auf knappen sechs Seiten untergebracht werden konnte, war aber weniger den gymnastischen Leistungen Muchas an Fellners Unterlippe zu verdanken, sondern seinem Chefredakteur Johannes Hofer, der mich gut vorbereitet und dann das Ganze in kurze, knappe Sätze umwandelt und dafür sorgt, dass ich verbal (meist) gut dastehe.

Gelungen! Diesmal. Nur dann, wenn er mich - wie im Fall Pius Strobl - mit Fragen präpariert wie "Sie sind aber kein Waisenknabe?" (Strobl ist Vollwaise!), dann bringt er mich bisweilen in schwierige Situationen. Was aber nichts daran ändert, dass die Frage per se in ihrer Multifunktionalität unübertrefflich ist. Die kann man jedem Knaben stellen, wenn er nur keine Vollwaise ist. Wer weiß, was geschehen wäre, hätte Mucha sie diesmal einfach Fellner entgegengeschleudert? Dann hätte er vielleicht statt Resignation Information aus ihm gewonnen, und sich das abschließende Eingeständnis erspart: Ich möchte gesondert darauf hinweisen, dass ich Fellner gesondert darauf hingewiesen habe, mir kurze Antworten zu geben - ein vergebliches Unterfangen.

Fellners Antwort auf diese Frage wäre vielleicht sachlicher ausgefallen als etwa die im Interview: "Österreich" ist sicher keine Boulevard-Zeitung. Die großen Tagesthemen unserer Titelseite unterscheiden sich kaum von "Standard" oder "Presse". (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 14./15.4.2007)