Die Situation der Medien und der Zivilgesellschaft im Sudan ist wesentlich "komplizierter und widersprüchlicher" als medial vermittelt. Zu diesem Ergebnis kommt der am Mittwoch veröffentlichte Bericht einer Untersuchungsmission von "Reporter ohne Grenzen (ROG)", die Vertreter der Organisation für Pressefreiheit von 17. bis 22. März 2007 in den Sudan geführt hat. Der Bericht werfe ein neues Licht auf das Bild eines von der Welt abgeschlossen "Landes der Massaker", so ROG in einer Aussendung vom heutigen Dienstag.

In den in der Hauptstadt Khartum herausgegebenen Zeitungen würden - per se eher regimekritische - Bevölkerungsgruppen wie Menschenrechtsaktivisten, Universitätsmitarbeiter und weitere zivilgesellschaftliche Akteure durchaus Gehör finden. So sei etwa nicht in einer internationalen Tageszeitung zu lesen gewesen, dass die Milizsoldaten der Janjaweed "von einem rassistischen Regime benützt" würden, welches "in vielerlei Hinsicht schlimmer als das Apartheid-Regime Südafrikas ist". Die zitierte Passage ist ROG zufolge einem Leitartikel entnommen, den die Tageszeitung Citizen am 18. März in Khartum veröffentlicht habe. Der Artikel habe nicht einmal wütende Reaktionen der Regierung nach sich gezogen, heißt es in der Aussendung weiter.

Existenz einer "dynamischen Zivilgesellschaft" werde oft übersehen

Die ROG-Mitarbeiter hätten sich bei ihrer Wahrheitssuche nicht in jener "terra incognita, in der der erste Völkermord des 21. Jahrhunderts stattfindet" wiedergefunden, die die Medien oft vermitteln würden. Selbst in Darfur sei Reporter ohne Grenzen auf Menschen getroffen, die "sich der um sie entstehenden Tragödie und der damit verbundenen Herausforderungen bewusst" seien, stellte die Organisation richtig. Die Existenz einer "dynamischen Zivilgesellschaft" und deren Einsatz für eine Konfliktlösung werde oft übersehen.

Die "vergessenen Akteure der Krise" sollten nicht ignoriert werden, appellierte ROG im selben Atemzug. Der sudanesischen Regierung wird gleichzeitig empfohlen, das Land für ausländische Presse zu öffnen und der Zivilgesellschaft größere Freiheit zuzugestehen.

Hintergründe würden wenig beleuchtet

Sudanesische Journalisten klagen laut dem RGO-Bericht außerdem, dass die Hintergründe der aktuellen Krise in Darfur - Umweltzerstörung, Flutkatastrophen und die jüngste Wasserknappheit, verbunden mit rasantem Bevölkerungswachstum - von den internationalen Medien zu wenig beleuchtet würden.

Reporter ohne Grenzen wies gleichzeitig darauf hin, dass die Berichterstatter der nationalen und internationalen Medien vor mehreren Problemen stünden: Die hohe Anzahl unterschiedlicher bewaffneter Gruppen, das Fehlen einer Front, unwirtliche Landschaften sowie die schwere Unterscheidbarkeit von Kämpfern und Zivilisten. Ein von Khartum um die Krisenregion errichteter "bürokratischer Zaun" erkläre auch, warum der Sudan als ein vom Rest der Welt abgeschnittenes Land wahrgenommen werde. Ausländische Journalisten würden die sudanesiche Zentralregierung einerseits a priori als feindlich empfinden und andererseits oft "vom Tschad aus nur berichten, was Flüchtlinge ihnen dort erzählen". (APA)