Setzte Wolfgang Schüssel in der öffentlichen Meinung auf die Wunderwaffe Karl-Heinz Grasser, so versucht es Wilhelm Molterer nun mit Andrea Kdolsky. Beides probiert, kein Vergleich, konstatiert der medienpolitische Beobachter, und fragt sich: Welche ideologische Wende der Volkspartei mag sich in diesem Wechsel der Selbstdarsteller ankündigen? Der neue Kondomkomet am Himmel der ÖVP - von "News" als Der schwarze Taifun angekündigt - lässt den Kristallgatten nur noch als müdes Lüftchen durch die Erinnerung des Publikums wehen. Als sie vor Schülern spontan bekannte, "natürlich habe ich Sex", erweckte sie damit jedenfalls mehr Vertrauen, als er im Parlament mit dem Vortrag der Arbeit eines Gagschreibers: "Ein guter Tag beginnt mit einem sanierten Budget." Wenn es der Molterer nur aushält!

"Österreich" hat gleich gespürt, auf eine mediale Goldader gestoßen zu sein, als es einen Tag vor dem ÖVP-Parteitag in der Möglichkeitsform die Überraschung meldete. Zunächst konnte das Blatt sein Glück selber nicht fassen. In der Selbstbeweihräucherungsrubrik Aus der Redaktion wurden die Leser am folgenden Tag dringend aufgefordert, die Meldung vom Vortag zu glauben: Kdolsky als ÖVP-Vize exklusiv in ÖSTERREICH. Einen Tag danach die Mitteilung: Donnerstag berichteten wir über eine überraschende Personalentscheidung an der VP-Spitze. Freitag wurde sie präsentiert: Andrea Kdolsky als ÖVP-Vize stand exklusiv bei uns. Und wieder einen Tag später konnte man die eigene Hellsichtigkeit noch immer nicht fassen: Woher wusste ÖSTERREICH das Kdolsky-Geheimnis der ÖVP?

"Österreich" weit davon entfernt zu wissen, was im Kdolsky-Geheimnis wirklich steckt. Eine Frau regt auf - Rauchen, Sex & Saufen - Warum diese Politikerin niemanden kaltlässt, orgelte "News" auf der Titelseite im Versuch, Terrain aufzuholen. Dazu ein Foto der Gesundheitsministerin mit einem Blick, wie ihn wählerische Vampire auf ihr nächstes Opfer werfen mögen. Dabei erneuerte sie im Blattinneren nur das Bekenntnis einer österreichischen Seele: ,Ich bemühe mich, auch Obst und Gemüse zu mir zu nehmen, aber ich bin auch eine leidenschaftliche Schweinsbratenesserin.\

Der leidenschaftliche Auftritt des schwarzen Taifuns als Gräfin Mariza bei den Miniclowns fand dann nur noch geteilten Beifall, wie auch ein anderes Bekenntnis in der ÖVP für einige Nachdenklichkeit sorgen könnte: ,Bin ein Alpha-Mensch. Und ich bleibe auch, wie ich bin.\ Denn im Reiche der Dichands, wo Dezenz bekanntlich zu Hause ist, hält man Distanz zu Molterers personalpolitischem Einfall. War im Adabei vom Mittwoch noch von der überwältigenden Ministerin Kdolsky zu lesen, folgten Donnerstag im Kommentarteil der "Krone" sauertöpfische Leserbriefe.

Frau sein genügt nicht! behauptete da ein Leser aus Laakirchen. Mir graut vor der zukünftigen Zusammensetzung unserer heimischen Politikerinnen. Wenn wir in nächster Zukunft noch ein paar Kdolskys dazubekommen, dann sehe ich für unsere Zukunft schwarz, was bei der Zusammensetzung dieser Politikerin gar nicht so falsch ist. Und die Leserin Christine Stegh, Bruck an der Mur, bangte um die Würde unserer Regierung: Wenn sich eine Ministerin für Wohltätigkeitsorganisationen engagiert, ist das sehr löblich. Sich aber derart in Szene zu setzen und das Ministeramt abzuwerten, wie es Andrea Kdolsky durch ihren ,Clown-Auftritt\ gemacht hat, ist einer Ministerin aber nicht würdig. Österreichs Familien und Kinder haben andere Sorgen und Probleme.

Fast schon gnadenlos reagierte der familiäre Gratisableger "Heute". Unter dem Titel Kondome und Tanz- show: Die Spassettl-Ministerin! wurden dem schwarzen Taifun ordentlich die Leviten gelesen. In vier Monaten lieferte sie keine einzige beschlussfähige Gesetzesvorlage ab: ÖVP-Gesundheitsministerin Andrea Kdolsky war dafür als Kondom verteilendes Cover-Girl in Wiens Schulen unterwegs. Jetzt folgte der nächste Coup zur Gestaltung eines "dynamisch-jungen" Images: Kdolskys bizarre Tanzeinlage bei einem Benefiz-Abend, die allerdings einige Seiten weiter hinten, in der Tratschrubrik durchaus als Hot! gewürdigt wurde.

Die Minister-Show, die an die berühmte Sinowatzsche Tanzeinlage mit Marlène Charell erinnerte, war bei dem Charity-Event im Wiener "Metropol" nicht jedermanns Geschmack, jammerte das andere Kleinformat für gehobene Eleganz, und forderte ein Lesertribunal: Passt eine derart "urige" Politikerin in eine Reihe mit Van Swieten und Leodolter? Was meinen Sie. Schreiben Sie uns.

Van Swieten und Leodolter? Welch eine Reihe! In die zu passen, wäre schon ein wenig viel verlangt, auch eine Spassettl-Ministerin kann sich schließlich nicht zersprageln. Jetzt aber interessant: Eine Christine Stegh hatte selben Tages nicht nur der "Krone", sondern auch "Heute" ihren Unmut über Kdolsky mitgeteilt, im exakt selben Wortlaut. Nur dass sie für "Heute" nicht in Bruck an der Mur existierte, sondern in Wien 7. Es gibt sie, die Gnade der Bilokation. Dichands machen es möglich. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 28./29.4.2007)