Innsbruck - Statt an Plänen für ihre Abschiebung festzuhalten, sollten vor Ort Anlaufstellen für die nach Innsbruck geflüchteten (ehemaligen) Straßenkinder aus Maghrebstaaten geschaffen werden. Das hat am Freitag eine Plattform des Sozialpolitischen Arbeitskreises (SPAK) und dem Projekt Fluchtpunkt (Arge Schubhaft) gefordert.

Lange Flucht

Es handelt sich um ein paar Dutzend Jugendliche und junge Männer zwischen 15 und 30, mit unterschiedlichem Aufenthaltsstatus, die sich nach einer meist längeren Fluchtgeschichte durch europäische Staaten zuletzt im und um den Innsbrucker Rapoldipark aufgehalten haben. Einige davon verkaufen Drogen, vor allem Cannabis. Seit Ende März eine "Schutzzone" im und um den Park errichtet wurde - an deren Rand am Freitag die Pressekonferenz der NGOs stattfand - seien die Jugendlichen auf verschiedene Orte der Stadt verteilt, vor allem in Bahnhofsnähe zu sehen, berichtet Silvia Schuhmann von Z6-Streetwork.

Vom "Nordafrikaner-Problem" sprechen nicht mehr nur Medien, die Wortwahl findet sich jüngst in Presseaussendungen des Landes. Vor knapp drei Jahren ist die Bezeichnung erstmals aufgetaucht, in Äußerungen von Exekutivbeamten. Auch von "Drogen-Afrikanern" ist die Rede, verbunden mit dem Rapoldipark als einzigem Schauplatz. Der belebte Stadtpark liegt neben dem Einkaufszentrum "Sillpark". Die Zahl der Jugendlichen und jungen männlichen Erwachsenen ist nicht bekannt. Die Exekutive spricht von an die 70, die Sozialvereine von an die 40.

Einheimische Dealer

Dass rund um Sill- und Rapoldipark gedealt wird, ist nicht neu. Vor sieben Jahren hat die Exekutive einen "Schlag gegen die Drogenszene" verkündet. Von 200 Anzeigen in Innsbruck und nächster Umgebung, darunter gegen 30 Mädchen, war damals die Rede. Der Rapoldipark geriet so erstmals als Umschlagplatz in die Schlagzeilen. Damals war die Herkunft der Jugendlichen kein Thema. Es waren Einheimische.

Die Zahl der Haschisch-Verkäufer ist zuletzt geringer geworden. Ihre Herkunft hat sich verändert. Die Maßnahmen haben sich verschärft. Vor zwei Jahren erhielt Innsbrucks Polizei Österreichs ersten Videoüberwachungswagen - für den Rapoldipark. Ende März wurde nun die "Schutzzone" errichtet. Soziallandesrat Hannes Gschwentner (SPÖ) will jetzt mit dem Bund über den Bau "eines Heimes für obdachlose Straßenkinder in Marokko verhandeln". Glaubt aber, dass "die Ursache mit einer Abschiebung nicht behoben wäre". Daher will das Land einen "marokkanischer Sozialarbeiter" einstellen.

Die NGOs sehen die Abschiebung aus humanen wie rechtlichen Gründen nicht als Lösung. Viele der Jugendlichen seien Asylwerber, daher aufenthaltsberechtigt. Andere nicht abschiebbar, weil sie als Straßenkinder in Maghrebstaaten schutzlos wären. Manche hätten Kontakt zu einheimischen Jugendlichen, andere nicht. Schutzlos

Es sei wichtig ihren Hintergrund mitzubedenken, meint Michaela Ralser von "Fluchtpunkt": Sie kämen aus Staaten, die ihnen nicht ausreichend Schutz bieten konnten oder wollten, hätten schutzlos auf der Straße überlebt, ohne oder mit abgebrochenem familiären Rückhalt, ohne dass sich wer für ihre soziale oder psychische Lage interessierte. Soziale Unterstützung

Der Sozialpolitische Arbeitskreis plädiert dafür, die jungen Männer aus den Mitteln der Grundsicherung (Sozialhilfe) zu unterstützen. Für soziale Maßnahmen, da polizeiliche nicht ausreichten. "Es gibt einen privatrechtlichen Anspruch auf Sozialhilfe", sagt Stefan Schnegg vom Obdachlosenverein Dowas/Chill Out. Es gäbe Sozialeinrichtungen mit ausreichend Erfahrung - ein Repertoire, das dieser Gruppe angeboten werden könne: Es bedürfe aber des spezifischen Auftrags der Politik. (Benedikt Sauer, DER STANDARD Printausgabe, 28./29.4.2007)