Zur Person

Heinz Strohmer (42) ist Universitätsprofessor und Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe. Er leitet als Reproduktionsmediziner das Kinderwunschzentrum in der Privatklinik Goldenes Kreuz in Wien und zwei IVF-Zentren in Osteuropa. Er war zuvor an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde tätig und gründete dort nach der Geburt seiner Zwillingstöchter eine Spezialambulanz für die Betreuung von Mehrlingsschwangerschaften.

Foto: Standard/Heribert Corn

Zur Person

Martin Langer (53) ist Universitätsprofessor und Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, Oberarzt der Universitätsklinik für Frauenheilkunde Wien und ausgebildeter systemischer Psychotherapeut. Er leitet die Station für Risikoschwangerschaften im AKH Wien. Langer ist außerdem österreichischer Delegierter des EU-Projekts Peristrat zur Erfassung der perinatalen Sterblichkeit und Mitglied der Ethik-kommission der Med-Uni Wien.

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Moderne Medizin hilft bei unerfülltem Kinderwunsch. Das Risiko von Mehrlingsschwangerschaften wird zu wenig thematisiert, sagt Gynäkologe Martin Langer, auch sein Kollege Heinz Strohmer plädiert für mehr Aufklärung. Sabina Auckenthaler moderierte.

STANDARD: Frauen, die Kinder bekommen, werden schnell mit dem Begriff Risikoschwangerschaft konfrontiert. Sind Schwangerschaften trotz medizinischen Fortschritts immer noch gefährlich?

Strohmer: Die Bezeichnung Risikoschwangerschaft muss man immer im Verhältnis zu einer aus medizinischer Sicht "idealen Schwangerschaft" sehen. So ist etwa das Risiko einer Komplikation beim zweiten Kind geringer als beim ersten, bei einer Frau zwischen 22 und 28 Jahren niedriger als bei einer 38-Jährigen. Auch eine Schwangerschaft nach jahrelang unerfülltem Kinderwunsch ist keine "normale" Schwangerschaft mehr, und zwar unabhängig davon, ob sie schließlich spontan oder durch künstliche Befruchtung eintritt. Weiters erhöhen Grunderkrankungen wie Diabetes das Risiko. Je weiter man sich vom Ideal entfernt, desto höher wird das Risiko, im Grunde ist es eine künstliche Zäsur.

Langer: Die Anzahl der Risikoschwangerschaften hängt von Einteilungskriterien ab. In manchen Studien wird von 70 Prozent Risikoschwangerschaften gesprochen - das ist sicher übertrieben. Aber es gibt einige Kriterien, die das Risiko eindeutig erhöhen: Dazu gehören Mehrlingsschwangerschaften.

STANDARD: Was macht sie riskant?

Langer: In erster Linie die Gefahr einer Frühgeburt, denn das hat oft Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder. Bei Drillingen ist die Frühgeburtenrate sehr hoch, bei Komplikationen kann es zu Krankheiten oder Behinderungen bei den Kindern kommen. Bei den meisten Formen von Zwillingsschwangerschaften haben wir in Bezug auf die Sterblichkeit heute bereits sehr gute Prognosen, die sich praktisch nicht von Einlingsschwangerschaften unterscheiden.

STANDARD: Die Zunahme von Mehrlingsschwangerschaften hängt doch direkt mit der Zunahme künstlicher Befruchtungen zusammen?

Strohmer: Bei den Zwillingsschwangerschaften macht der Anteil jener, die durch eine künstliche Befruchtung zustande kommen, derzeit etwa 20 Prozent aus, allerdings mit steigender Tendenz. Die Drillingsschwangerschaften, davon gibt es in Österreich etwa 30 bis 40 pro Jahr, kommen fast alle durch künstliche Befruchtung zustande. Meist werden nämlich bei der In-vitro-Fertilisation (IVF) zwei oder drei Embryonen eingesetzt. Wenn sich dann alle in die Gebärmutter einnisten, kommt es zu einer Mehrlingsschwangerschaft.

STANDARD: Ist es überhaupt vertretbar, mehrere Embryonen einzusetzen?

Langer: Vonseiten der Geburtshilfe versuchen wir schon lange die Botschaft zu transportieren, dass eine Mehrlingsschwangerschaft nicht als Erfolg der Reproduktionsmedizin zu werten ist. Es bräuchte daher auch in Österreich eine verbindliche Regelung, wie viele Embryonen maximal eingesetzt werden dürfen. In England, Schweden und Belgien gibt es derartige Vorschriften, die die Zahl der möglichen Embryonen beschränken und vom Alter der Patientin und der Zahl der IVF-Versuche abhängig macht. Kommt es nämlich zu einer Drillings- oder Vierlingsschwangerschaft, so bedeutet das möglicherweise das "Reduzieren", also Abtöten von Feten, was für die Patientin eine große Belastung ist.

Strohmer: Als Reproduktionsmediziner bin ich bei dieser Frage mit zwei Dingen konfrontiert: Zum einen habe ich in der Regel ein Paar mit sehr starkem Kinderwunsch vor mir. Wenn dann jemand - und das kommt in Österreich vor - sechs oder acht Embryonen einsetzt, kann man das nur strengstens verurteilen. Andererseits ist es aber lächerlich, einer Frau, die vielleicht schon acht erfolglose IVF-Versuche hinter sich hat, zu sagen, man setze aufgrund des Risikos einer Mehrlingsschwangerschaft nur noch einen Embryo ein. Zudem muss man sagen, dass nicht wenige Paare, häufig solche in fortgeschrittenem Alter, sich sogar Zwillinge wünschen. Sie sehen darin die Chance, doch noch zu den zwei Wunschkindern zu kommen. Wenn Paare zu uns kommen, die über künstliche Befruchtung bereits ein Kind bekommen haben, ist das freilich anders. Die haben dann meist den ausdrücklichen Wunsch, nur mehr eines zu bekommen.

Langer: Die Erwartungshaltung der Paare mit einem langjährig unerfüllten Kinderwunsch ist oft sehr unrealistisch. Der Druck ist enorm groß, wodurch die Belastung, mit zwei oder sogar drei Neugeborenen zu leben, oft unterschätzt wird.

Strohmer: So ist es. Auch ich hoffe, dass sich in Zukunft die Information mehr durchsetzt, dass es nicht unbedingt wünschenswert ist, Zwillinge zu erzeugen. Wir wollen mehr Aufklärung betreiben. Ungleich höher ist die Belastung, die durch Drillinge auf die Eltern zukommt, auch in den seltenen Fällen, in denen alle drei Kinder gesund zur Welt kommen: Keine Freizeit, kaum Schlaf, keine Zeit für die Beziehung. Laut Untersuchungen geben manche Paare mit Drillingen im Nachhinein sogar an, wenn sie gewusst hätten, was auf sie zukommt, hätten sie lieber auf Kinder verzichtet.

STANDARD: Reproduktionsmedizin ist aber mit den Folgen von Mehrlingsschwangerschaften nicht befasst, oder?

Langer: Deshalb fordern wir auch eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Reproduktionsmedizin und Intensivgeburtshilfe. Bis jetzt ist es, etwas überspitzt formuliert, so, dass für den Reproduktionsmediziner die Aufgabe nach der Befruchtung als erfolgreich erledigt gilt, während sie für die Patientin, den Geburtshelfer und den Neonatologen erst beginnen.

Strohmer: Stimmt genau, auch der Gesetzgeber, der ja über einen eigenen Fonds die Kinderwunschbehandlungen teilweise finanziert, bewertet die Qualität eines Behandlungszentrums immer noch anhand der Schwangerschaftsrate - ohne zu differenzieren. Als Behandlungserfolg müsste eigentlich die "healthy-baby-take-home-rate" gelten, also gesunde Babys, die nach Hause entlassen werden.

STANDARD: Was könnte Mehrlingsschwangerschaften verbessern?

Langer: Sehr wichtig ist ein früher Ultraschall. Nur so lässt sich feststellen, ob Zwillinge einen gemeinsamen oder zwei getrennte Mutterkuchen haben. Zweieiige Kinder haben immer zwei getrennte Plazentas, die Schwangerschaft ist in diesem Fall risikoärmer. Eineiige können eine gemeinsame oder zwei getrennte Plazentas haben. All das muss so früh wie möglich festgestellt werden, um das Risiko einzuschätzen. All solche Risikoschwangerschaften müssen in einer spezialisierten Abteilung betreut werden.

STANDARD: Wie sieht diese spezielle Betreuung konkret aus?

Langer: Diese Frauen brauchen eine engmaschigere Überwachung als "normale" Schwangere. Es ist wichtig, dass alle zwei bis drei Wochen Kontrollen in spezialisierten Einrichtungen stattfinden, in denen Symptome von Mehrlingsschwangerschaften richtig bewertet werden. Bei Kindern, die gemeinsam nur eine Plazenta haben, muss man genau beobachten, ob beide gut wachsen. Bei Mehrlingsschwangerschaften tritt bei der Frau häufig auch eine Präeklampsie auf, also ein erhöhter Blutdruck, Eiweiß im Urin und Wassereinlagerungen. Auch das muss man beobachten. Auch Spitalsaufnahmen sind ein Faktor.

STANDARD: Kann man Frühgeburten verhindern?

Langer: Wichtig ist immer die Vorgeschichte: Wenn eine Frau schon mehrere Frühgeburten hatte, muss man gezielter den Gebärmutterhals vermessen, eventuell den Muttermund zubinden. Erst am Ende der Schwangerschaft kommen medizinische Maßnahmen wie Wehenhemmung oder Antibiotikagabe. Frauen mit Zwillingsschwangerschaft werden auch nahezu immer von der Arbeit freigestellt.

Strohmer: Die wenigen Fakten, die wir als Auslöser von Frühgeburten kennen, etwa Diabetes oder mehrere Aborte im Vorfeld, müssen wir sehr ernst nehmen. Aber auch bei jenen Schwangerschaften, um deren Risiken wir wissen, wird es wohl noch lange Frühgeburten geben, die wir nicht verhindern können. (STANDARD, Printausgabe, 30.4.2007)