Kalte Nacktheit: "Twilight of the Oceans" des Kanadiers Daniel Léveillé.

Foto: Kirchner
Salzburg - Eine Stadt hat getanzt, und das eine Woche lang. Die rührige Szene Salzburg, die ab 21. Juni zum Festival sommerszene 07 mit Tanz, Film, Musik und bildender Kunst aus Indien und China laden wird, hat gerade eine intensive Reise durch die Salzburger Tanzlandschaft hinter sich. Unter dem Motto City of Dance war alles, was Tanzbeine hat, aktiviert: Es gab künstlerische Aufführungen, Volks- wie Standardtanz, Workshops, eine Tanznacht, Auftritte im Stadtraum und einen "Tanzplan Salzburg", der jene Orte der Stadt vorstellte, an denen Tanz stattfindet.

Den Abschluss am Wochenende bildeten zwei bemerkenswerte Arbeiten. Die in Brüssel arbeitende Französin Alix Eynaudi zeigte ihr Erstlingswerk Supernaturel und der Kanadier Daniel Léveillé, dessen Stück The Modesty of Icebergs 2005 international Furore machte, wagte eine Vorpremiere seiner jüngsten Choreografie Twilight of the Oceans. Die Uraufführung ist für Juni in Montreal angesetzt.

Wieder operiert Léveillé mit strenger Struktur und kalter Nacktheit. Zu einer Klaviersonate von Beethoven, die durch lange Passagen der Stille unterbrochen ist, setzen sich fünf Männer und zwei Frauen, schwarz bekleidet, einer angespannten, repetitiven Bewegungskomposition aus. Doch in diese drillhafte Sperrigkeit schleichen sich Störungen ein: Hebungen, in denen wütend ausgeschlagen wird, banale Gesten und immer wieder Gleichgewichtsverluste, Fehltritte.

Die Tänzer erscheinen periodisch nackt, treten aber so eisig in ihr Entblößtsein ein, dass aller Betrachtervoyeurismus gefriert. Twilight of the Oceans fordert den Blick und die Geduld des Publikums. Noch gibt es Schwächen in der zeitweisen Kostümierung und in einzelnen gestischen Motiven. Das Publikum war allerdings jetzt schon begeistert.

Die hervorragende ehemalige Tänzerin bei Anne Teresa De Keersmaekers Company Rosas, Alix Eynaudi, ist bereits als Performerin und Kochoreografin (von Alice Chauchat) des Stücks Crystalll aufgefallen. Mit Supernaturel hat sie nun ein ausgezeichnetes eigenes Debüt geschafft. Sie arbeitet mit einem erweiterten Choreografiebegriff, der Licht, Stimme, Dramaturgie, Publikum und Körperbewegung als so gleichwertig behandelt, dass, obwohl die Tänzerin allein auf der Bühne steht, von einem Gruppenwerk gesprochen werden muss.

Luzide Klarheit im Stückaufbau und atmosphärische Virtuosität in der Umsetzung verbinden sich mit einer phantastischen Performance, die ein knisterndes Spannungsfeld zwischen filmstillhaften Posen und ekstatischem Flow aufbaut. Das einzige Fragezeichen gegenüber dieser jungen Arbeit resultiert aus der etwas aus der Luft gegriffenen Bekleidung. Jedenfalls aber hat sich Eynaudi hier als ernstzunehmende Nachwuchschoreografin bewiesen. (Helmut Ploebst / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.5.2007)