Der Monat des "Neuen ORF" hat dem Sender ein historisches Quotentief beschert: Erstmals seit den Erhebungen im Rahmen des Teletest fiel der Marktanteil des ORF-Fernsehens in den heimischen Kabel- und Satelliten-Haushalten im April unter 40 Prozent. Wie DER STANDARD bereits bereichtete verzeichneten die beiden ORF-Sender 37,9 Prozent Marktanteil - und das trotz intensiver Werbe- und Marketingaktivitäten rund um den Start der Programmrefom am 10. April.

Einbußen für beide Kanäle

Betrachtet man ORF 1 und ORF 2 im Detail, so fällt auf, dass beide Kanäle Einbußen hinnehmen mussten. ORF 1 stürzte von 16,6 Prozent Ka-Sat-Marktanteil im Vorjahr auf nur mehr 15,1 Prozent ab, ORF 2 sank auf 22,8 Prozent - im Jahr zuvor waren es noch 24,8. ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz rutschte damit deutlich unter die Zahlen seiner Vorgängerin Monika Lindner, die sich im April des Vorjahres noch über 41,3 Prozent Ka-Sat-Anteil freuen konnte. Im April 2005 erreichte das ORF-Fernsehen noch 43,6 Prozent. Der beste April seit Beginn der Teletest-Messungen war 1998 unter Gerhard Zeiler mit 48,9 Prozent. Insgesamt fuhr der ORF im April sogar den tiefsten Marktanteil seit Einführung des Teletest Anfang der 90er Jahre ein.

ORF: "Sonderfall"

Der ORF verweist bei der Erklärung seiner Quotenmisere auf den Anstieg der Kabel- und Satellitenhaushalte und damit verbunden der empfangbaren TV-Sender. In knapp 90 Prozent der Haushalte könnten inzwischen durchschnittlich 51 TV-Sender empfangen werden. Weiters argumentiert man mit dem "Sonderfall", dass im ersten Aprildrittel das neue Programmschema noch nicht wirksam, zentrale Bestandteile des alten, wie etwa "Willkommen Österreich" aber bereits ausgelaufen waren. Laut ORF-Kommunikationschef Pius Strobl sei vor allem die Karwoche "für Aussagen zum neuen Programmschema nicht repräsentativ". Für Einbußen habe außerdem, wie von Wrabetz vorhergesagt, die Positionierung anspruchsvoller Formate auf besseren Sendeplätzen gesorgt.

Gut angenommen sieht der ORF die neue "ZiB"-Familie sowie die Programmierung von "Sport" und "Seitenblicken". Die Reichweite von "Mitten im Achten" sei insgesamt noch steigerbar, deutlich unter den Erwartungen blieb die Wiederholung der wochentäglichen Serie "Julia" auf ORF 2. An einem Konzept für eine neue Service-Sendung, die den Publikumsfluss zwischen "Heute in Österreich" und "Konkret" verbessern soll, wird deshalb bereits gearbeitet. Die Positionierung anspruchsvoller Programme an früheren Sendeplätzen werde vom Publikum akzeptiert, hieß es weiter.

Heftige Diskussionen

In den ORF-Gremien sorgen die Seherzahlen des öffentlich-rechtlichen Senders unterdessen für heftige Diskussionen. Die 40-Prozent-Marke gilt seit der Ära Bacher als "Mindestflughöhe" in Sachen TV-Quoten. Mediaplaner und Werber hatten stets vor einem Absinken unter diese Marke gewarnt. Die Werbetarife des ORF würden in diesem Fall unter Druck geraten. Die bürgerliche Lindner stand wegen rückläufiger Quoten unter Dauerkritik von SPÖ und Grünen. Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (S) machte Lindner wegen sinkender Einschaltquoten höchstpersönlich für den Misserfolg des ORF verantwortlich. Angesichts der jüngsten Quotenentwicklung weht nun dem SPÖ-nahen Wrabetz ein ebenso rauer Wind aus dem ÖVP-Lager entgegen.

Erhöhter Druck auf Werbeeinnahmen

Wrabetz wies bereits in seinem Bewerbungskonzept für die ORF-Spitze darauf hin, dass der ORF im Fernsehen mit einem Marktanteil von 40 Prozent noch immer 66 Prozent des Bruttowerbevolumens lukriere. Der verschärfte Wettbewerb erhöhe aber den Druck auf die Werbeeinnahmen. Die Einnahmen aus klassischer TV-Werbung könnten ohne Gegenmaßnahmen von 218 Millionen Euro 2005 auf 164 Millionen Euro im Jahr 2009 sinken, rechnete Wrabetz vor. Die Reform des ORF-Programms ist eine der geplanten Gegenmaßnahmen gegen diesen Trend. Den angepeilten Tagesmarktanteil legte der ORF-Chef dabei mit 41 Prozent fest.

Direktorenbonus in weiter Ferne

In der werberelevanten Zeitzone zwischen 19.00 und 20.15 Uhr hatte die ORF-Führung mit dem Stiftungsrat eine Erhöhung der Marktanteile in Kabel- und Satellitenhaushalten um zwei Prozentpunkte, nämlich von 55 auf 57 Prozent, vereinbart. Von der Erreichung dieses Teilziels hängt unter anderem ab, ob Wrabetz und seine Direktoren am Ende des Jahres einen Direktorenbonus lukrieren. Im April schien dieser Bonus jedenfalls in weite Ferne gerückt: Der ORF erreichte zwischen 19.00 und 20.15 Uhr einen Marktanteil von 52 Prozent. (APA)