Hier wird Europa nicht umhin kommen, Regelungsdichte sowie -höhe radikal zu reduzieren und auf ein freies Spiel der Kräfte zu setzen. Die Arbeitswelt der Zukunft wird kaum gesetzliche Regeln für Unternehmen kennen, dafür aber ein Maximum an Flexibilität erlauben. Dies ist für unsere Wettbewerbsfähigkeit erforderlich und angesichts des davon beeinflussten wirtschaftlichen Aufschwungs nicht notwendigerweise zum Nachteil der Beschäftigten.

Andererseits das Sicherheitsbedürfnis des Einzelnen, wozu auch ein sicherer Arbeitsplatz zählt. Diese "Security" wird von Firmen dadurch geliefert, dass sie erfolgreich sind und so langfristig Arbeitsplätze anbieten - für Mitarbeiter jedoch ein Spiel ohne Stammplatzgarantie. Wer aber soll diese Sicherheit schaffen, die letztlich alle wollen und brauchen? Die Absicherung von Risiken wie Krankheit und Arbeitslosigkeit wird - abgesehen von einer minimalen Grundabsicherung - zur ausschließlich persönlichen Verantwortung werden. Der Staat muss und wird hier aber einige sozial- und gesellschaftspolitische Aufgaben übernehmen, da diese weder den Unternehmen noch den einzelnen Personen zumutbar sind.

Polarisierendes Beispiel

Nimmt man das am meisten polarisierende Beispiel, so landet man bei der Eltern- bzw. der Schwangerschaftskarenz. Hier stellt sich für extreme Flexicurity-Vertreter eine Frage: Ist es wettbewerbstechnisch gerecht, dass einzelne Firmen Kostennachteile erleiden sollen, nur weil sie Frauen beschäftigen, die schwanger wurden? Bevor die Formulierung dieser Frage zum reflexartigen Aufschrei "Frauendiskriminierung!" führt, sollte man eine konsequente Flexicurity zu Ende denken: Denn wenn man nichts ändert, werden Unternehmen weiterhin auf Frauen verzichten. Vor diesem Hintergrund ist es zu erwarten, dass man Schutzregelungen für (werdende) Mütter, die bisher auf die einzelnen Firmen abgewälzt werden, auf ein biologisch/soziologisches Minimum reduziert - das es noch zu definieren gilt. Gleichzeitig muss es einen Ausgleich für die (werdenden) Mütter und Väter (!) geben, der jetzt kollektiv getragen wird und weit über das hinausgeht, was gegenwärtig angeboten wird.

Hier kann man sich innovative Lösungen vorstellen, wie die Finanzierung der Karenzzeit durch Familien ohne Kinder. Im Ergebnis würde dies die tatsächlichen Jobperspektiven von Frauen verbessern, die Familienphase optimieren und die Unternehmenserfolge verbessern. Dies ändert nichts daran, dass Unternehmen mit dem Ziel eines optimierten Arbeitgeberimages tatsächlich umfassende Familienförderungsprogramme sowie weit reichende "Security"-Konzepte auflegen können und werden, um sich von ihren Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt positiv abzuheben. Sie dürfen nur nicht dazu gezwungen werden. (Christian Scholz, Der Standard, Printausgabe, 5./6.5.2007)