Irgendwie überdrüber: die Moto Morini Corsaro 1200 Veloce.

foto: sulzbacher

Als ich das letzte Mal mit dem Didi Brandl von BLM telefoniert hab, hat der in einem Anflug von Geistesabwesenheit doch glatt gesagt, dass ich mir bei ihm eine Moto Morini Corsaro 1200 holen darf.

Der Brandl Didi ist ja nicht nur Kenner was italienische Motorradln betrifft, sondern auch ein Wissender in Sachen Önologie. Und anscheinend hab ich ihn bei dem spätabendlichen Telefonat bei einer kleinen intimen Weinverkostung derwischt, bei der sein Gaumen grad gejubelt haben dürfte. Da dachte ich mir, hol ich die Morini, bevor der Didi gach noch eine nicht optimale Weinlieferung aus Italien bekommt.

Ich sag, wie es ist. Wir hatten die Corsaro schon am Hänger angebunden, als der Brandl Didi, ein kleines "Öha, ich hab eine Idee" ausstößt. Der Herr Werth vom Reitwagen hat nämlich eine Corsaro 1200 Veloce für einen Langzeittest ausgefasst. Und dieses Eisen stand grad in der BLM-Werkstatt zum Service. "Sagst dem Andi halt nicht, dass ich sie dir gegeben hab.", meint der Didi noch, bevor er die Veloce auf den Hänger schiebt. Und ich drauf: "Kennst mich ja. Ich kann ein Geheimnis für mich behalten."

Die Veloce unterscheidet sich von der "normalen" 1200er Corsaro durch Krawalltüten aus dem Hause Termignoni und jede Menge schwarz eloxierter Feinheiten wie Fußrasten, Gabel und Lenker. Schaut natürlich gleich viel schneller aus.

Am Motor hat man für die Veloce nix tricksen müssen. 1187 Kubizanderln schöpfen aus dem Viertakt V2 140 PS und 123 Nm. Da brauchen wir nicht lang herumreden. Besitzer einer supersportlichen 600er werden grad stutzen. Ja es stimmt. Ein Kolben von der Corsaro hat so viel Volumen wie alle vier Häferln Ihres Eisens. Wie sich plötzlich das Raum-Zeit-Kontinuum verschiebt, wenn man auf der Corsaro den ersten Gang einlegt und die Kupplung kommen lässt, können Sie sich vorstellen.

Einstein hätte beim Ausformulieren seiner Relativitätstheorie sicher die Morini in ein paar praktischen Beispielen drinnen gehabt – hätte es sie damals schon gegeben.

Die Corsaro Veloce, die wir auf den Hänger verfrachteten, war allerdings nimmer ganz original. Sagen wir, als ich sie bekam, trug sie schon das unverkennbare Berzerk-Design des Herrn Werth. Der dürfte damit ein paar Rechtsrunden am Pann gedreht haben, worunter die Masse der rechten Fußraste ein wenig litt.

Da hätte der Einstein Albert nicht schlecht geschaut, wenn ihm ein Motorradfahrer bewiesen hätte, dass mit zunehmender Geschwindigkeit, die Masse eines Objektes abnimmt. Einstein hätte eine Zeit lang grübeln müssen. Wie ich auch. Hätte die Corsaro nämlich auch gern auf die kupierte Raste gelegt, aber keine Tschanz.

>>> Spucke weg

Wenn ich so edles Material ausfasse, geht es bei mir immer nur ums: "Finde die Schwachstellen!" Man könnte jetzt glauben, wenn zwei so große Brennräume für Vortrieb sorgen, ist das gar nicht schwer, denn die Lastwechselreaktionen werden nicht von dieser Welt sein. Weit gefehlt. Da kenne ich kleinvolumigere V2-Motoren, die anders heftig ruckeln.

Die Beschleunigung brauche ich gar nicht anzudenken. Weil die ist so heftig, dass einem beim Beschleunigen das Blut im Hirn in einem hinteren Gehirnlappen zusammen rinnt, dass man von Glück reden kann, dass dort das Zentrum fürs Atmen liegt. Das fürs derbe Sammeln von Speichel und die Befreiung der Mundhöhle desselben, dürfte weiter vorne liegen – das schließe ich draus, weil mir gleichzeitig die Spucke weg blieb.

Ich hab die Morini auf dem Verkehrsübungsplatz des ÖAMTC in Lang-Lebring antreten lassen. Der gefeixte Geschicklichkeitsparcours machte der Corsaro aber keine Probleme, obwohl sie im ersten Gang auf Standgas schon schneller fährt als die Motorräder der Konkurrenten in der Zweiten.

Knieschleifen – kein Problem mit der Corsaro. Aber für erlesene Fahrwerke sind die Italiener ja ohnedies bekannt. Auch wenn es keinen interessiert: ich habe es gewagt mit der Corsaro zu bremsen. Gewaltig. Sehr gute Verzögerung, klarer Druckpunkt. Dass die hydraulische Kupplung mit ein wenig mehr Kraft bedient werden möchte als ich mir das zuvor ausmalte, ist eine Spitzfindigkeit. Aber ich gab halt nicht auf den Fehler zu suchen.

Und beim Fotoshooting hab ich dann endlich doch was gefunden. Während der Sulzi noch die Fotoausrüstung zusammengeschraubt hat, fand ich das größte Manko der Corsaro 1200 Veloce. Man kriegt sie in keinen Fahrradständer.

Ich muss aber zugeben, dass ich Hochgeschwindigkeitsversuche unter dem Motto "Fest, dann geht’s leicht" unter Anbetracht der Relativitätstheorie unterlassen habe. (Text: Guido Gluschitsch, Fotos: Martin Sulzbacher, derStandard.at, 10.5.2007)