Im Theaterstück dreht sich eine Frau in einem langen, weißen Tuch den Kopf selbst in die Schlinge, gefasst und in stolzer Trauer zwar, doch eigentlich endgültig. Das Bild von Frauen, die, ähnlich sitzenden Skulpturen im Dunkeln ab und zu zucken, beendet "Die Troerinnen". Die Wirklichkeit Überlebender von sexueller Gewalt sieht anders aus.
Foto: N. Mangafas / Schauspielhaus
Das Theaterstück "Die Troerinnen" im Schauspielhaus schrammt hart an der Grenze, die "Trostfrauen" des zweiten Weltkrieges zum unerlösbaren Leidens-Objekt zu machen, vorbei. Die Frage bleibt: Wie und was können eigene Rituale oder gesellschaftliche Zeremonien zur Verarbeitung von Gewalt beitragen? Eine Kritik von Kerstin Kellermann .


Ein großer, nach hinten sich erweiternder Saal im Dunkeln, schemenhaft sieht man mehrere Frauen ganz in schwarz, allein ihre weißen Arme leuchten. Ihre Gesichter unter den dunklen Haaren sind nicht zu erkennen. "Die Troerinnen" verbindet das Thema "Gewalt gegen Frauen" mit Ritualen der Verarbeitung - mit einem eigens entwickelten, ritualisierten Umgang abseits der Gesellschaft - und zeigt das Leben von Zwangsprostitutierten als verbittertes, gefasstes, aber letztendlich ohnmächtiges Widerstehen. Dunkelblau und schwarz sind hier die Farben einer kalten Trauer, einer eingefrorenen Wut, eines eisigen Hasses. Ein eigenes Universum tut sich auf, die ZuschauerInnen bleiben außen vor. Sie sitzen wie vor der Glasscheibe eines Aquariums, beobachten das Treiben und werden später mit runden orangenen Lichtern angeleuchtet, dann von hellem Gegenlicht geblendet.

Textzeilen aus Euripides Stück begleiten die Szenerie, doch diese bieten in ihrer Auswahl wie "Lasst Kassandra, sie ist verrückt", "Wir sind nur Körper. Ich begriff, was sie uns sagen wollten" oder "Mein Leben wird mein Tod sein" ein ganz anderes Bild als zum Beispiel Christa Wolfs "Kassandra". Wolfs Kassandra bringt in einer wunderschönen, fließenden Sprache ihre Anklage - als Frau, die Subjekt ist und in ihrer Seele unantastbar bleibt, ihre Würde behält, obwohl sie, wie man so treffend sagt, "erniedrigt" wird. "Die Troerinnen" wirken hingegen ästhetisiert und kalt, die einzelnen Frauen hängen, zumindest im ersten Teil in Stereotypen, in gefrorenen Figuren des Leidens fest.

"Trost" und Neid

Tausende so genannter "Trostfrauen" wurden im zweiten Weltkrieg vom japanischen Geheimdienst entführt und mussten auf "Troststationen" bis zu 50 Männer pro Tag "empfangen" oder "bedienen", wie es im Stück heißt. Viele der so genannten "Sexsklavinnen" wurden umgebracht. Was bringt Männer dazu und was gibt es ihnen, Frauen im Kriegen Gewalt anzutun? Euphorisiert die Lust am Töten, die Erotik der Dominanz, die Kontrolle der Lebensmöglichkeit eines Menschen? Oder wollen Männer, die von Kindheit an lernen müssen, ihre Emotionen zu kontrollieren und zu unterdrücken, sich wenigstens mit Hilfe des Schmerzes anderer Menschen spüren? Steht Krieg als Symbol für entfesselte, verdrängte Emotionen, als finales Ventil für Aggressionsabbau? "Ich kann nicht aufwachen. Wie ein Schlafwandler irre ich umher", heißt es im Stück und "Ich habe Angst, ich fürchte mich vor mir selbst. Ich bin keine Frau, ich bin nur ein Tier." Die Pansori-Sängerin im weißen Kleid singt "Was werdet ihr mit den traurigen Geistern, die verloren sind, machen?"

Leid minimalistisch auszudrücken und zu bebildern, ohne die ZuschauerInnen mit Tränen und Blut zu überschwemmen und handlungsunfähig zurück zu lassen, ist schwer. Aber es gibt im Stück solche Momente, Highlights, wie etwa diesen, als Hekuba mitgeteilt wird, dass die Kriegsschiffe zum Auslaufen bereit sind und ihre Tochter ruft: "Die Mutter soll zur Sklavin werden? Du blinder Idiot! Der einzige Sklave hier bist du! Ihr werdet verflucht sein und uns schließlich beneiden."

Enddiagnose "Trauma"

Während und nach dem Bosnien-Krieg, auf den Regisseurin Aida Karic noch zusätzlich zu Troja und Japan anspielt, setzte sich mit dem Begriff "Massenvergewaltigung" (den eine US-Werbeagentur für die kroatische Regierung erfand) eine Sichtweise durch, die Vergewaltigung als nationalistische Strategie darstellte und so indirekt "kroatischen", "serbischen" oder "gemischten" Frauen die Vergewaltigung absprach. Zeuginnen vor dem Kriegsverbrecher-Tribunal benötigten, um Asyl zu erhalten, eine Bestätigung ihres "Traumas" und wurden anschließend zum Teil wegen nun offiziell bestätigter, psychischer Störungen von der Zeuginnenaussage ausgeschlossen. Überlebende "Trostfrauen" wehrten sich mutig gegen eine Festschreibung ihres Traumas. Einige reisten 1991 nach Tokio und forderten die japanische Regierung zu einer offiziellen Entschuldigung und zu Reparations-Zahlungen auf. Ihr Mut und ihre Entschlossenheit verschaffte dem Thema "Sexuelle Gewalt" auf der UNO-Menschenrechtskonferenz 1993 internationales Gehör. Im Theaterstück dreht sich eine Frau in einem langen, weißen Tuch den Kopf selbst in die Schlinge, gefasst und in stolzer Trauer zwar, doch eigentlich endgültig. Das Bild von Frauen, die, ähnlich sitzenden Skulpturen im Dunkeln ab und zu zucken, beendet "Die Troerinnen". Die Wirklichkeit sieht anders aus. Überlebende von sexueller Gewalt leben ihr Leben, misstrauisch, aber sicherlich nicht für immer und ewig traumatisiert.

Etwas wirklich Trauriges und Übles des Bosnienkrieges, der noch lange nicht verarbeitet ist, liegt in einem Unterschied zum Zweiten Weltkrieg und dessen rassistischer Gewalt begründet: Es waren nicht nur "fremde Soldaten" einer "fremden Nation", die vergewaltigten. Um die Kassandra von Christa Wolf zu zitieren: "Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg? Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingraben, überliefern. Was stünde da? Da stünde, unter anderen Sätzen: Lasst euch nicht von den Eignen täuschen." Mit Dank an Stefan und Mario von der "Cantina".