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Poetische Strategien von Künstlerfreunden: Zigaina (li.) und Pasolini in den 70er-Jahren.

Foto: Archiv Zigaina

Wien – Der greise Autor und Künstler Giuseppe Zigaina (83), der im Friaul lebt, hat Erzählungen von bestrickender Kargheit geschrieben. Der Prosaband In die Lagune, erschienen bei Folio, poetisch schwingend übersetzt von Karin Fleischanderl, porträtiert einen spröden Weltwinkel, in dessen grenzregionaler Abgeschlossenheit das Durcheinanderwirken von Sprachen und Kulturen viel gesamteuropäisches Pathos aufwiegt.

Doch Zigaina, der vom Kratzen seiner Radiernadel schreibt wie einst Marcel Proust vom Mürbgeschmack der Madeleine, ist nicht bloß Zeichner – er liest Zeichen. Er sammelt "seit 1983", wie er anlässlich eines Leseauftritts in Wien erzählte, Zeugnisse über seinen Freund Pier Paolo Pasolini (geboren 1922), der am Allerseelentag des Jahres 1975 am Strand von Ostia unter nie ganz geklärten Umständen brutal ermordet worden war.

Der große Linke Pasolini sei, wie Zigaina unermüdlich betont, als promiskuitiver Homosexueller nicht einfach einer Streiterei unter Schwulen zum Opfer gefallen (die römische Staatsanwaltschaft gab sich damals mit dem Geständnis eines jugendlichen Strichers zufrieden – "Täter" Pelosi hat inzwischen mehrmals widerrufen).

Zigaina klopfte den gigantischen Werkkorpus Pasolinis daraufhin auf bekenntnishafte Züge ab. Pasolini, der als unorthodoxer Christ eigenwillige Ansichten zur Funktion des "Opfers" und der Sühneleistung in einer gewalthörigen, vom Alltagsfaschismus durchsetzten Gesellschaft entwickelt hatte, habe seinen eigenen Tod prophezeit – verschlüsselt zwar, doch, wie Zigaina meint, unmissverständlich. Der größte linke italienische Dichter der Nachkriegszeit – ein Märtyrer?

"Meine Erzählungen stellen die Fortsetzung der Beschäftigung mit den Schriften Pasolinis dar", sagt Zigaina. "Ich versuchte, sie gewissenhaft zu dechiffrieren – wobei mein großes Vorbild der französische Semiologe Roland Barthes war. Er lehrte mich, die technische Seite des Diskurses und der Sprache zu verstehen. Denn Barthes hinterließ dabei Spuren seiner selbst."

Tod und das Zeichen

Im Hintergrund von Zigainas Denken lauert eine paradoxe Figur der Moderne: Obwohl doch alle Schriftzeichen als bloß (zufällige) Bedeutungsträger in einem unendlichen Kreislauf von Teilchen entlarvt sind, steht dahinter das Begehren nach dem einen, entgrenzenden Akt. Durch ihn soll die schleichende Entleerung der Alltagswelt aufgehoben – ihr totes Getriebe "transzendiert" werden.

"Ich musste diese Erzählungen schreiben – nicht, weil ich sie für amüsant hielt, sondern weil sie echt und authentisch sind. Ich habe nicht ein einziges Detail hinzuerfunden. Pasolini hat den Wunsch in mir geweckt, den Ursprung meiner Erfahrungen zu verstehen. Ja, Pasolini war für mich die Gelegenheit, eine 'authentische' Schreibtechnik zu entwickeln. Ich habe durch Pasolinis Schriften eine Art 'Infektion' erlitten – durch seine Methode der Wahrhaftigkeit."

Pasolini aber, der im Friaul als Lehrer arbeitete, ehe er die Nachtseiten der römischen Proletarierviertel schätzen lernte, sah sich veranlasst, mit Leib und Seele für seine triste Diagnose der italienischen Wirklichkeit einzustehen. Nur im und durch den Tod sei sein Leben "lesbar" geworden – getreu der Formel des Regisseurs, dass der Tod für die Existenz dasselbe bedeute wie der Schnitt für das belichtete Filmmaterial.

Am Schluss aber bleiben vom Kriminalfall Pasolini, diesem geschworenen Feind der christdemokratischen Korruption, die Erinnerungen, die aus Zigainas vollendeter Prosa wie Sandbänke aus der Lagunenlandschaft vor Grado herausragen: Maria Callas, die im vollen Ornat im Film Medea durch das seichte Wasser gleitet. Das Genie Pasolini, das in die "Göttliche" unsterblich verliebt war – und vor der Konsequenz einer Heirat angstvoll zurückschreckte. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.5.2007)