Verlagsgründer Michael Focher

Foto: Haymon

Innsbruck – Ein Verlag mit Geschichte. Nach einer Sage war es der Riese Haymon, der im achten Jahrhundert das Stift Wilten bei Innsbruck gründete, eines der ersten Kulturzentren im Raum des späteren Tirol. Ein frommer Adelsherr soll nämlicher Haymon gewesen sein, ein Drachentöter und eben Klostergründer.

Gut 1200 Jahre später wird Haymon zum Namenspatron für einen Verlag. Der Name ist nicht zufällig gewählt: Der Osttiroler Historiker und Journalist Michael Forcher gründet Haymon 1982 als Verlag mit Schwerpunkt auf den Kulturraum Nord-, Ost- und Südtirol. In den ersten Jahren erscheinen vor allem so genannte Tirolensien über Geschichte und Kunst Tirols.

25 Jahre später zählt Haymon zu den wichtigeren und langlebigeren Verlagen Österreichs. Ein richtiger Riese ist er zwar nicht, aber aus einem ursprünglich regional ausgerichteten Haus hat er sich zu einer guten Adresse vor allem für Literatur entwickelt. Und glänzt von Zeit zu Zeit mit echten Leckerbissen – in diesem Frühjahr besonders mit dem Roman "Pura Vida" des Franzosen Patrick Deville, einem kunstvoll gebauten Text über Lateinamerika und das Scheitern von Revolutionen.

"Ich bekam immer wieder literarische Texte angeboten", erinnert sich Michael Forcher. "Die Verlagslandschaft war Mitte der Achtziger sehr karg, mutige Verlage waren selten, vor allem Tiroler Autoren konnten kaum im eigenen Land publizieren. Als ich innerhalb kürzester Zeit die Chance bekam, Felix Mitterer, Norbert C. Kaser und von Raoul Schrott sein großartiges Dada-Buch zu verlegen, hab ich eben zugegriffen."

Seit 15 Jahren macht die Belletristik den Schwerpunkt des insgesamt 500 Titel starken Programms aus. Sicher: Wenn ein heimischer Haymon-Autor wie Raoul Schrott sich einen Namen gemacht hatte, wechselte er zu einem großen deutschen Verlag. Ganz untreu wurde Haymon jedoch kaum einer. Im Februar erschien nach langer Pause mit "Die Fünfte Welt" wieder ein neuer Schrott, im Juni kommt der vierte Band der Stücke-Ausgabe von Felix Mitterer, einem weiteren Aushängeschild.

Blättert man die Programme der letzten Saisonen durch, könnte auf einen flüchtigen Blick der Eindruck entstehen, Haymon verlege ein Kraut-und-Rüben-Programm. Da steht Hochliterarisches neben Krimis von Alfred Komarek, ein Romandebüt neben Sachbüchern, Regionales neben Übersetzungen aus dem Italienischen, aus dem Französischen oder aus dem kubanischen Spanisch.

Was die Veröffentlichungen jedoch eint, sind ihre Klasse und ihre Originalität. Haymon bringt nicht irgendwelche Bücher heraus, sondern spezielle. Die Krimis zum Beispiel haben entweder expliziten Österreich-Bezug (Komarek, Manfred Wieninger) oder gleich internationales Format (Jürgen Benvenuti).

Langlebigkeit

"Ein kleiner Verlag profiliert sich vor allem durch die besondere Qualität seiner Bücher", geht der neue Programmchef Matthias Part mit seinem Vorgänger Michael Forcher d'accord. Seit 1.1.2007 ist Forcher in Pension, seine Agenden gibt er an Part und an den neuen Verleger Markus Hatzer ab.

Will man als Literaturverlag eine gewisse Langlebigkeit erreichen, braucht es aber auch wirtschaftliches Geschick und strategische Partnerschaften. So gehört Haymon nach einem Intermezzo mit der Deutschen Verlagsanstalt seit 2005 der Innsbrucker Verlagsgruppe (mit Skarabaeus, Löwenzahn und Studienverlag) an.

Gründer dieser Vereinigung ist der nunmehrige Verlagsleiter Hatzer. 2003 erwarb er den Haymon-Hälfteanteil der DVA, zwei Jahre später auch den von Forcher. Mit der Verlagsgruppe hat er Haymon in ein regionales Bündnis integriert – Programm gemacht wird allerdings weiter unabhängig.

Was braucht ein Verleger? Markus Hatzer: "Gespür für gute Bücher und für neue Strömungen. Eine echte Partnerschaft mit den Autoren. Und mit Zahlen sollte man natürlich auch umgehen können. Dabei schließe ich mich den Worten von Egon Ammann an, dessen Verlag ja auch gerade 25 Jahre alt geworden ist: 'In unserem Haus wird jeden Tag ebenso viel gerechnet wie gelesen.'"

Heißt: Es wird viel gerechnet bei Haymon, denn es wird viel gelesen. Das schätzen auch die Autoren. "Wenn es sein muss, kann man mit dem Lektorat dreißigmal über eine bestimmte Stelle diskutieren", freut sich Jürgen Benvenuti. "Es läuft alles freundschaftlich und fast schon familiär ab, aber auch sehr professionell." Ein kleiner Riese eben. (Sebastian Fasthuber / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.5.2007)