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Henning Kagermann

Foto: APA/EPA/Kegler

Henning Kagermann trinkt keinen Kaffee, nur Tee. Doch das ist sicher nicht der Grund dafür, warum er nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen ist. Als habilitierter Physiker ist er einerseits ein nüchterner Analytiker, andererseits ist er das, was man einen "alten Branchenhasen" nennt. Seit 1982 ist der 59-jährige Wissenschafter bei der SAP AG, wo er sukzessive die Karriereleiter erklomm. Mit dem Wechsel von Firmengründer Hasso Plattner in den Aufsichtsrat ist er seit 2003 alleiniger Vorstandssprecher des weltweiten Marktführers für Unternehmenssoftware mit Sitz im deutschen Walldorf. Erst kürzlich wurde sein Vertrag bis 2009 verlängert.

Höhen und Tiefen

Und wer so lange in ein und derselben Branche und Unternehmen sein Brot verdient, kennt Höhen und Tiefen gleichermaßen. Ungeachtet des kürzlich erfolgten Weggangs des als Kagermann-Nachfolger gehandelten Shai Agassi, einer nicht zufriedenstellenden Kursentwicklung, Übernahmegerüchten und eines erbitterten Konkurrenzkampfs mit dem US-Konzern Oracle (der SAP derzeit der Industriespionage bezichtigt), sieht der SAP-Vorstandschef gelassen in die Zukunft. Das Unternehmen stehe derzeit wieder am Anfang einer neuen Wachstumskurve, meinte Kagermann vor Beginn der gestern in Wien eröffneten Kundenkonferenz Sapphire, die von 8000 Teilnehmern besucht wird.

Schnelle Umsetzung

Kagermann verglich die neue Wachstumswelle mit jener Anfang der 90er-Jahre, als SAPs Business Suite R/3 auf den Markt kam. Im Mittelpunkt würde dabei Software stehen, die Unternehmen erlaube, ihre Verwaltung mit der ihrer Partner noch besser und schneller zu vernetzen.

Schnelle Anpassung

"Der Trend, dass für ein Unternehmen entscheidend ist, wie schnell es sich an neue Herausforderungen anpassen kann, gilt auch für die nächsten zehn Jahre", meinte Kagermann. Alle 20 Minuten komme es auf der Welt zu einer Merger&Akquisition-Transaktion, alle dreieinhalb Minuten werde ein neues Verbraucherprodukt auf den Markt gebracht, alle 0,1 Sekunden werde ein Container verschifft, veranschaulichte er. Wer Erfolg haben wolle, müsse die dahinter stehenden Prozesse schnellstmöglich miteinander vernetzen können.

Maßgebliches Produkt

Derzeit ist die im vergangenen Jahr gestartete Softwarelösung MySAP 2005 in Verbindung mit der Netweaver-Plattform das maßgebliche Produkt für den Konzern, mit dem das Wachstum künftig bestritten werden soll. Kagermann schätzt, dass bis 2010 98 Prozent der SAP-Kunden ihre Systeme von der alten ERP-Software R/3 auf die neue MySAP-Software umgestellt haben.

Das hehre Ziel des weltweit drittgrößten Softwareherstellers, bis 2010 die Kundenzahl auf 100.000 beinahe zu verdreifachen, soll mit einem neuen Softwareprodukt für mittlere und kleinere Unternehmen erreicht werden (siehe nebenstehenden Bericht).

Keine Übernahmeangebote

Zu den anhaltenden Spekulationen bezüglich diverser Übernahmeangebote von einem Finanzanbieter oder einem anderen Bieter meinte Kagermann: "SAP hat in den vergangenen Monaten keine Übernahmeangebote von einem Finanzinvestor oder einem anderen Bieter erhalten".

Internationale Ausweitung

Auch trat der SAP-Chef den in einem Bericht des Wall Street Journal zitierten Befürchtungen einiger Analysten entgegen, dass sich das Unternehmen nach dem Weggang von Entwicklungsvorstand und designiertem Kagermann-Nachfolger Shai Agassi wieder von seiner internationalen Ausrichtung abwenden könnte. Die internationale Ausweitung der Forschungs- und Entwicklungsarbeit des Konzerns werde fortgesetzt, betonte dazu auch der stellvertretende CEO Leo Apotheker. Zu den Softwarelabs außerhalb Deutschland in Bulgarien, Ungarn, Israel, Indien, Canada und den USA soll etwa in den kommenden zwei bis drei Jahren ein weiteres in Russland entstehen.

Auch sonst scheint der Weggang Agassis keine große Lücke hinterlassen zu haben. "Mein Job ist mein Job", meinte Kagermann gelassen auf die Frage, ob er nun noch mehr Arbeit habe. "Ich weiß Veränderungen zu schätzen, denn ohne sie würde es langweilig werden."(Karin Tzschentke/DER STANDARD, Printausgabe vom 15.5.2007)