Für einen heftigen Wirbel sorgt eine angebliche Intervention des SPÖ-geführten Bundeskanzleramts im ORF. Auf Grund eines Anrufs aus dem Kanzleramt wurde in der Nacht auf Mittwoch offenbar ein Beitrag über den Niederösterreich-Tag von SPÖ-Kanzler Alfred Gusenbauer auf den Internet-Seiten des ORF überarbeitet. Eine Geschichte auf der lokalen ORF-Niederösterreich-Homepage wurde von der Wiener ORF-ON-Redaktion "komplett geändert", kritisierte ORF Niederösterreich-Redakteurssprecher Robert Friess.

Erwin Pröll prominent vertreten

War in der ursprünglichen Version des ORF-ON-Artikels Landeshauptmann Erwin Pröll von der ÖVP noch prominent vertreten, spielte dieser nach der Überarbeitung in Wien nur noch eine Nebenrolle und der Fokus der Berichterstattung lag auf Gusenbauer und der niederösterreichischen SPÖ-Chefin Heidemarie Onodi. Noch bevor die ORF-Redakteure die Angelegenheit ans Licht brachten, ortete der über die nächtlichen Vorgänge bestens informierte niederösterreichische ÖVP-Landesgeschäftsführer Gerhard Karner eine "brutale SPÖ-Intervention beim ORF". Der ORF-ON-Bericht sei über Nacht radikal verdreht worden, und Landeshauptmann Erwin Pröll offensichtlich hinausinterveniert worden, so Karner in einer Aussendung.

Verstoß gegen das Redakteursstatut

Kurz danach folgte – ebenfalls via Aussendung – der Aufschrei der niederösterreichischen ORF-Journalisten. "Die Redakteure des ORF Niederösterreich sehen darin einen klaren Verstoß gegen das Redakteursstatut und wehren sich somit ausdrücklich gegen jede Art der Intervention in der Berichterstattung des ORF Niederösterreich", so Redakteurssprecher Friess zu den Vorgängen. Die Redakteure stellten weiters fest, "dass hier eine Story auf der Homepage des Landesstudios geändert wurde – und zwar nachdem hier offensichtlich politisch interveniert wurde".

"Verletzung des Objektivitätsgebots"

Der Kritik schloss sich kurze Zeit später auf Bundesebene auch ÖVP-Mediensprecher Franz Morak an. Er sprach von einem "SPÖ-Wunschkonzert" im ORF und einer "Verletzung des Objektivitätsgebots". Bundeskanzler Gusenbauer und ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz hätten "massiven Erklärungsbedarf", hielt Morak fest.

Im Bundeskanzleramt wies man die Darstellung der Volkspartei prompt zurück. "Wir intervenieren nicht. Das ist nicht unser Stil", sagte Kanzleramtssprecher Stefan Pöttler zur APA. "Was die ORF-ON-Redaktion macht oder ändert, liegt in deren Ermessen. Wir haben keinen Einfluss darauf." Pöttler sprach von einer "künstlichen Aufregung der ÖVP", und in Richtung VP-Landesgeschäftsführer Karner meinte die Stimme Gusenbauers: "Wie der Schelm denkt, so ist er."

"Da ist zweifellos ein Fehler passiert."

Auch im ORF selbst wies man den Vorwurf der politischen Intervention zurück, gestand aber mögliche Fehler ein. "Unsere Recherchen haben ergeben, dass es keine politische Intervention gab", so ORF-Unternehmenssprecher Pius Strobl. "Die Pressestelle des Bundeskanzleramts hat auf angebliche Widersprüchlichkeiten zwischen ORF-ON Niederösterreich und der entsprechenden APA-Meldung aufmerksam gemacht, was normales Tagesgeschäft ist." In der Folge habe ein Nachtredakteur von ORF-ON "inhaltliche Adaptierungen vorgenommen und dürfte dabei Regulative nicht beachtet haben", so Strobl. So gab es etwa keinen Kontakt zu Vorgesetzten oder den Verantwortlichen im Landesstudio Niederösterreich. "Da ist zweifellos ein Fehler passiert." (APA)