Auch im letzten Interview mit dem Standard (12. Mai) blieb der Klagenfurter Intendant kämpferisch.-->Interview zur Nachlese

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ZITIERT: Dietmar Pflegerl zur "Evita"-Musical-Produktion: "Natürlich war es Entlarvungstheater. Es gibt Plakate von Perón, die in den Werbemechanismen sofort an Jörg Haider erinnern, und es gibt die Übereinstimmung mancher Slogans wie 'Dieses Land blüht auf'. Oder: 'Er hat Euch nie belogen'. Evita haben wir 2001 aufgeführt."

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ZITIERT: Dietmar Pflegerl zur Koalition der Sozialdemokraten mit Haider: "Ich bin als ewiger Optimist überzeugt davon, dass die Sozialdemokraten Zeit gehabt haben zum Nachdenken und zum Reflektieren. Ich gehe davon aus, dass sie am Beispiel Kärnten sehen konnten, wie schief das gehen kann, wenn der Zweck die Mittel heiligt. Und man trotzdem auf die Gosch’n fällt."

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ZITIERT: Dietmar Pflegerl über den Kušej-Skandal: "Da hat die Hälfte der Abonnenten und Besucher, 400 von 800 Leuten, das Theater türenschlagend verlassen. Aber die Leute, die übrig geblieben sind, haben am Ende einen Jubelchor angestimmt, der sich gewaschen hatte. Die Arbeit war ja ein Aufbruch in eine neue Theatersprache, die bis heute im deutschsprachigen Raum gehört wird."

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Seine letzten Interviews - darunter ein ausführliches mit dem Chefredakteur des STANDARD vom 12. Mai - glichen bereits Vermächtnissen: Der Bühnenmensch Dietmar Pflegerl hatte nicht erst seit seiner Krebserkankung 2002 die Basis des allseits, wenn auch nicht durchwegs in Kärnten anerkannten Theatermachers um diejenige eines Polit-Kommentators erweitert.

Mit der Gebärde des leiderprobten Veterans, der mit dem Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider über eineinhalb Jahrzehnte viele Sträuße ausgefochten, wichtige Kämpfe auch verloren hatte, ließ Pflegerl etwas maßvoll Resigniertes aufscheinen.

Die "Andersartigkeit" der Kärntner Verhältnisse färbte auf den in Klagenfurt geborenen Theaterkünstler nolens volens ab. Er musste, von FPÖ-blauen, später von BZÖ-gelben Kulturverwesern rhetorisch zur Rechenschaft gezogen, mehr verteidigen als seine bloß sanft modernistischen, mit flankierender Kulinarik gut abgefederten Spielpläne.

Nicht aufmüpfig

Pflegerl, am 6. September 1943 in Klagenfurt geboren, der einst als begabter Regie-Jüngling bei Boy Gobert in Hamburg und Berlin sein Handwerk zur Perfektion brachte, ohne jemals durch Aufmüpfigkeit aufgefallen zu sein, beerbte 1992 den frankophilen Schöngeist Herbert Wochinz als Klagenfurter Intendant. Es gehört zu den in Vergessenheit geratenen Pikanterien, dass erste Konflikte mit Vertretern der damals noch mächtigen (Stadt-)SPÖ entstanden. Pflegerl eröffnete das Schauspiel mit dem Bockerer; er löste das stehende Sprachensemble auf und gewann frische Produktivkräfte durch die penibel genaue Beobachtung des deutschsprachigen Theatermarktes.

Der Kusej-Erfolg

Wer bei der Premiere von Martin Kusejs verstörender Inszenierung von Schillers Kabale und Liebe, damals 1993, dabei war, wird nie die geradezu eruptive Randale im gelben Plüsch-Etablissement vergessen: Als die damalige Lady Milfort auf halsbrecherischer Schräge ihr üppiges Röckchen schürzte, um ihrer nackten Daseinsangst urinierend abzuhelfen, wurden lautstark Türen geschlagen, gegenüber den Mitwirkenden aber Drohungen ausgestoßen.

Der Triumph wurde erstritten - Martin Kusej der Weg zur Weltkarriere gebahnt. Die Einsicht, es mit der "gewachsenen Mentalität" eines selbstbezogenen Bundeslandes aufnehmen zu müssen, sollte fortan aber auch den Frieden kosten.

Weitere Kunstskandale blieben aus; Pflegerl betrieb mit dem Kulturreferenten Haider eine Politik der vorsichtigen Annäherung, die zeitweise wie eine regelrechte Männerfreundschaft aussah, aber über der Frage nach der Bespielung der Klagenfurter Wörthersee-Bühne, mit all den Musicalprojekten, spektakulär splitternd zerbrach.

Lohnt es wirklich, noch einmal alle Vorwürfe aufzulisten, die sich die Kombattanten an die erhitzten Köpfe warfen? Daran zu erinnern, dass man Dietmar Pflegerl sogar der Veruntreuung bezichtigte? Der war inzwischen zu einem gewieften Puccini-Regisseur geworden, der sich in Sachen Sprechtheater auf den Zukauf aus Hamburg und Berlin konzentrierte und dabei Glücksfälle wie Philip Tiedemanns Bernhard-Inszenierung von Der Ignorant und der Wahnsinnige ergatterte.

Kleinodien wie das Werner-Kofler-Projekt Tanzcafé Treblinka behält man dankbar in Erinnerung.

Als größte Niederlage wertete Dietmar Pflegerl, der mit dieser, seiner letzten Spielzeit 15 Jahre Klagenfurter Intendant gewesen wäre, nicht so sehr das Hickhack mit Jörg Haider und dessen Satrappen als das Wegducken der Kärntner Sozialdemokratie: Pflegerl sprach so bitter wie gefasst von einem "demokratiepolitischen Flurschaden". An eine Verlängerung seines Vertrages bis 2010 war nach dem versuchten Griff auf seine Rücklagen nicht mehr zu denken.

Am Ende Mozart

Vergangenes Jahr meinte er noch hoffnungsfroh, er habe "eine wesentliche Schlacht gegen den Krebs" gewonnen. Am Donnerstag ist der Regisseur und Intendant Dietmar Pflegerl nach stoischem und arbeitsreichem Kampf, der immerhin in zwei Turrini-Uraufführungen in den letzten beiden Spielzeiten gipfelte und auch eine Neuinszenierung von Mozarts Don Giovanni, als Auseinandersetzung mit dem Tod angelegt, schaffte, seinem Prostatakrebsleiden erlegen.

Zuletzt meinte Pflegerl: "Ich habe drei Perioden geschafft und kann am Ende sagen: Ich habe nichts versäumt. Ich habe viel bewegt." (poh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.5.2007)