Ein Verschwörer, der nicht handeln mag, auf zehnstündiger Schicht im Klassiker-Grab: Wallenstein (Klaus Maria Brandauer, Mi.) instruiert Buttler (Jürgen Holtz, re.).

Foto: Rittershaus
Ein "werktreues" Unterfangen des Berliner Ensembles, das nicht "deutet", in dem aber Klaus Maria Brandauer überzeugt.

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Die rein äußerliche Verlegung von Friedrich Schillers Wallenstein-Trilogie in die urbane Armutszone Berlin-Neukölln, hinein in eine Stadtlandschaft, wo in allernächster Zeitgenossenschaft Schulen kollabieren, wo allenthalben die Gewalt grassiert - sie ist zunächst eine logistische Meisterleistung.

Die Berliner Mitte-Kultur blickt gebannt, als würden Reformvorhaben akut verhandelt, wie durch ein umgestürztes Fernglas auf hinkende Obristen: auf einen strähnig frisierten Tausendsassa (Klaus Maria Brandauer), der in quietschenden Lederstiefeln, vor anmutig bewegten Stellwänden in einer unermesslich hohen Brauereihalle den berühmtesten "Generalissimus" der Deutschen gibt.

Regisseur und Initiator Peter Stein hat, denn nur so lässt sich diese monumentale Unternehmung irgendwie Sinn stiftend begreifen, im Böhmen Wallenstein sein eigenes Schattenbild inkarniert. Was ist dieser im Fett des wohl erprobten Charmes mild köchelnde Feldhauptmann anderes - denn ein Regisseur?

Ein sturer "Moderner"

Ein früh vollendeter, in seiner wetterleuchtenden Gemütsverfassung sturer "Moderner", der seinen konspirierenden Generalleutnants in den kindischen Lederkollern und Samtwämsern (Kostüme: Moidele Bickel) die frischesten Eingebungen seines saturnalisch sprunghaften Gemüts wie Ersatzfleischbrocken hinwirft: Da, nehmt und fresst. Nur lasst mich in Ruhe weiterbrüten.

Eine Rezension dieser zehneinhalbstündigen Unternehmung, die mit rund 4,5 Millionen Euro zu Buche schlägt und rund 1200 Zuschauer auf eine stählerne Amphitheaterbühne pfercht, kann daher nur über Stein, den Planer im Hintergrund, zu Brandauer, dem Vollzugsorgan, lohnend hinführen. Wie viel Mühsal hat Stein nicht auf seine Pappenheimer verwendet: Er erspart uns auch Wallensteins Lager nicht - den aus der Mitte der in Böhmen lagernden Soldateska entwickelten Auftakt der Trilogie.

Der Dreißigjährige Krieg ersteht neu im Flaumschnee des böhmischen Winterquartiers, wo Jäger, Schützen und Reiter ihre trauten Knittelversschwätzchen halten. Die Recken unter ihren Schlapphüten stellen die erlesen bestiefelten Beinchen gar trutzig auf die Debattierbank, wenn sie das unklare Wähnen ihres heiß geliebten Wallenstein zu ergründen trachten und am Zinnbecher nippen.

Man schreibt den Jahresanfang 1634 - und Steins Ausstattungsoper sieht auch wirklich keinen Tag jünger aus. Seine Exzellenz der Feldherr konspiriert heimlich mit dem schwedischen Widersacher. Die Feldhauptleute stehen wie Litfaßsäulen vor den riesigen Schiebewänden Ferdinand Wögerbauers. Bekanntlich passiert auch in Die Piccolomini zunächst nicht viel, außer dass sich Fatum und Kaiser längst gegen den wankelmütigen Feldherrn, ohne dass wir seiner vorerst ansichtig würden, gekehrt haben.

Schwätzer und Kinder

Aus dem zähen Gewühle tauchen Charakterköpfe herauf. Kriegs-Chargen wie der kahlköpfige Oberst Buttler (Jürgen Holtz), der seinen aasigen Kriegerstolz mit dem Gehstock abstützt: eine Koboldsfratze. Seidenweiche Tugendschwätzer wie der alte Piccolomini (Peter Fitz), die etwas säuerlich Verätztes, dabei greisenhaft Resigniertes in ihre flutenden Debatten hineintragen.

In diese Stabsversammlung der Knebelbärte und Versveteranen eilt Brandauer mitten hinein. Starrt vor rostroter Seide unter dem knöchellangen Ledermantel; handelt die Ankunft von Frau (Elke Petri) und Tochter (Friederike Becht) wie ein gestresster Hausvater ab.

Die eigene Tochter seit der Wiege nicht gesehen? Im Vater erwacht verlässlich der jugendliche Liebhaber. Das Weibchen vergießt ein paar heiße Tränen? Wallenstein, das unordentliche Haar mit berufsjugendlicher Unbekümmertheit um die Alterstonsur verteilt, faltet im Handumdrehen aus dem Taschentuch einen Schnäuzfleck.

Man würde sich nicht wundern, wenn Brandauer, der reife, reine Heldenjüngling, nicht auch gleich einen Golfschläger parat hielte! Oder den Herren Ordonanzen sein neues KlappHandy zeigte. Er kauzt und grinst sich durch die heikelsten Staatsgeschäfte. Auf die verzweifelten Veitstänze seiner Mitverschwörer, die wieder einmal an seiner Untätigkeit verzweifeln, reagiert er wie ein Wochenendmagier auf der Kinderparty: Die Sterne werden es schon richten ...! Sein Finger tippt hoch hinauf: Kinder, regt euch nicht auf. So hinkt der Alt-Ausseer Weltstar frohgemut durch eine Abfolge verschossener Stiche, die Schillers Tragödien-Ambitionen im Reclam-Maßstab nachbauen.

Da verschmerzt man es auch, dass die heldische Jugend (Alexander Fehling als Max Piccolomini) sich zitterstimmig durch die Verslawinen plagt.

Ins Heute hinein

Was tut der geeichte Marathon-Hörer? Er stellt, wenn er sich fadisiert, auf Durchzug. Der Zuschauer beginnt allmählich zu begreifen, dass alle diese hochlöblichen Ameisen unter ihren blank gewienerten Helmen, in ihren gebauchten Harnischen mitbauen am Schanzwerk der Klassikererrettung. Dabei eignet gerade auch dem Schlussstein der Trilogie (Wallensteins Tod) eine Sachlichkeit, die sonst nur Feldzügen geziemt: Wallenstein drängt es unklar zur Macht. Er kann sich nicht entscheiden, also wird er getrieben - und der wunderbare Brandauer, in Eger bereits am Sprung ins Grab, wird ganz weich und durchlässig für die milde Trauer des vorwissenden Alters. Er übt, mit schartiger, dann wieder weich musizierender Stimme, vor Wögerbauers Lichtbahnen den aufrechten Gang ins Unglück.

Ob man eine solche Expedition hinein in die tote Schlackenlandschaft der "Werktreue" goutieren muss? Ja, allein Brandauers wegen. Er zerrt an Steins Feldherrenleine - und reißt die bejubelte Unternehmung ins Heute hinüber. (Ronald Pohl aus Berlin/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 5. 2007)