Eine der unangenehmsten Fragen, die man von einem Passanten gestellt bekommen kann, lautet: "Kennst du mich nicht mehr?"

Bevor die Peinlichkeit verbal wird, durchläuft sie schon einmal unbehagliche visuelle Stufen: Man selbst betrachtet nüchtern einen Fremden, der einen unverschämt persönlich angesprochen hat und einem jetzt auch noch in aller Aufdringlichkeit warmherzige, kumpelhafte verschworene oder gar verklärte Blicke zusendet - gerade dass er einem nicht in die Arme fällt.

Die Antwort, die eigentlich gut überlegt sein sollte, muss sofort kommen. Und da riskieren viele: "Doch, klar kenne ich dich, na Wahnsinn! So was! So ein Zufall! Wie geht's dir denn? Was treibst du? Sag, wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?" (Sehr gefährlich, denn der Fremde könnte erwidern: "Heute früh. Ich war der Barkeeper.")

Eine schöne, die geradezu klassische Variante lautet: "Doooch, jaaa, klaaar! (Pause.) Ich weiß im Moment nur nicht, wo ich dich hintun soll. Hilf mir!"

Nie aber würde jemand wagen, ehrlich, spontan, aus dem Bauch heraus zu antworten: "Nein leider, ich kenne dich nicht mehr, und dabei würde ich's auch ganz gerne belassen." (DER STANDARD; Printausgabe, 21.5.2007)