Die schreckliche Globalisierung nimmt uns Arbeitsplätze weg, zerstört das Sozialgefüge und stürzt den satten Westen in Verelendung. Aber selbst wenn man ihre wirtschaftlichen Folgen ausnahmslos verdammenswert findet - in kultureller Hinsicht muss man die Globalisierung wenigstens aus einem Grund begrüßen:

Sie fördert den weltweiten Kontakt, den Austausch und damit die Vielfalt. Kulturschaffende und Kulturprodukte zirkulieren wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte rund um die Erde, und wo diesem Prozess noch politische und praktische Widerstände entgegenstehen, da sorgt der berühmte Globalisierungsdruck dafür, daß neue Wege gefunden, neue Schneisen geschlagen und neue Brücken gebaut werden.

Eigentlich müßte die Unesco, die Kulturorganisation der Vereinten Nationen, darüber froh sein. Sie ist es jedoch keineswegs. Stattdessen jammert sie über den Verlust von Vielfalt. Globalisierung ist für sie nämlich gleichbedeutend mit amerikanischer Invasion, und Kultur ist für sie gleichbedeutend mit Unterhaltungsindustrie. Diese Perspektive entspricht genau der protektionistischen Politik Frankreichs, das in seinem ewigen Kampf gegen Hollywood vor zwanzig Jahren die "exception culturelle" erfand und halb Europa hinter diesem Schlagwort versammelte.

Nun hat die Unesco, deren Sitz sich nicht von ungefähr in Paris befindet, diesen Kampf auf eine geradezu atemberaubende Weise internationalisiert: Sie hat das Denkbild des Artenschutzes aus dem Tierreich auf die Kultur übertragen und ein Abkommen hervorgebracht, das kürzlich in Kraft getreten ist und der Bewahrung und der Förderung kultureller Vielfalt dienen soll.

Gewisse Chuzpe

Da das Abkommen angeblich nichts kostet, haben es die Politiker gern unterschrieben - nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern wurde es in Rekordgeschwindigkeit ratifiziert. Kulturelle Vielfalt, mögen die Politiker gedacht haben, kann nicht schaden und ist insofern eine gute Gelegenheit, kulturelles Engagement zu zeigen. Freilich gehört eine gewisse Chuzpe dazu, wenn sich die Europäische Union, die größte Vereinheitlichungsagentur der Weltgeschichte, ausgerechnet für die Vielfalt stark macht.

Das Abkommen selbst ist ein plattitüdensatter Text, von dem allerdings die meisten Kulturschaffenden auf dieser Erde noch nie etwas gehört haben. Auch den zu Wochenbeginn propagierten Tag der kulturellen Vielfalt feierte niemand, obwohl ihn die Unesco ausgerufen hat. Man hätte ihn auch Tag der kulturellen Einfalt nennen können, denn die Unesco hat im Grunde nur ein Problem, und das ist ihre grandiose kulturelle Irrelevanz.

Solche Kritik vertragen die Bürokraten und Funktionäre der Unesco übrigens recht schlecht; wenn es um Meinungen geht, hört ihre Lust an Vielfalt ganz schnell auf. (D ER S TANDARD , Print-Ausgabe, 23.5. 2007)