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Daniele Gatti: "Ohne Arien gewinnt die Oper an Intensität."

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Ein Gespräch über die verschiedenen Fassungen des heiklen Werkes, musiktheatralische Intensitätsanforderungen und seine noch ungeklärte Zukunft im Haus am Ring.
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Wien - Während der Proben für die neue Staatsopernproduktion von Mussorgskis Hauptwerk Boris Godunow machten vor einigen Tagen scheinbar brisante Neuigkeiten in der Wiener Musikszene die Runde. Daniele Gatti erarbeite eine eigene Fassung der Oper, hieß es, von der "Gatti-Fassung" war schon die Gerüchterede. Nach einer Probe winkt der Italiener, der am Konzertpodium wie im Operngraben stets für emotionsgeladene Aufführungen sorgt, im Dirigentenzimmer der Staatsoper allerdings entschieden ab:

"Nein, nein! Es gibt keine Gatti-Fassung", sagt er und erzählt, unter welchem Gesichtspunkten er sich der Oper genähert und wie sich eine Mischfassung herauskristallisiert habe - aus dem "Ur-Boris" von 1869 (in dem der Polen-Akt und die Revolutionsszene im Wald von Kromy fehlen, dafür aber Boris' Begegnung mit dem Narren vor der Kirche San Basilio noch enthalten ist) und der "Originalfassung" von 1872 (mit Polen-Akt, ohne das Zusammentreffen zwischen Zar und weissagendem Narr). "Ich habe mich mit dem Ur-Boris genau auseinandergesetzt. Mussorgski selbst hatte keine Gelegenheit, diese sieben Szenen je zu hören. Als Zugeständnis an den damaligen Geschmack hat er die Oper bekanntlich überarbeitet. Im Zuge dieser Überarbeitung hat er auch das Formale geändert. Er ist wieder zu den geschlossenen Formen der Opera lirica, zu Arien, zurückgekehrt. Aber was Mussorgski ursprünglich wollte, war ein Drama in Musik."

Mit dem "Ur-Boris" hat Daniele Gatti beste Erfahrungen gemacht. Im Februar hat er diese rauere und schroffer instrumentierte Version in Bologna dirigiert. "Die Urfassung ist fantastisch", schwärmt Gatti. "Das Geschehen konzentriert sich ganz auf die Figur Boris. Arien, die das dramatische Geschehen unterbrechen, kommen nicht vor." Trotz dieser intensiven Erfahrung mit dem "Ur-Boris" hat Gatti die "Originalfassung" als Ausgangspunkt für die Wiener Produktion gewählt und sich auch intensiv mit der Version von Pavel Lamm beschäftigt.

Der russische Pianist und Musikwissenschafter hat in den 1920er-Jahren als einer der Ersten versucht, die vielfach bearbeiteten Werke Mussorgskis wieder in einen Originalzustand zurückzuführen. So werden in Wien sowohl der Polen-Akt als auch die Narrenszene vor San Basilio zu sehen sein.

"Der Polen-Akt bringt ein neues Element in die Oper", erklärt Gatti. "Er thematisiert Macht - und Machtmissbrauch - der Kirche. Und zwar sowohl der katholischen als auch der orthodoxen." Die Arien hat Gatti aber - im Sinne des Ur-Boris - konsequent herausgenommen. Er kann die Entscheidung auch präzis begründen: "In der Oper ist es oft so, dass eine Arie vielleicht nicht direkt die Handlung vorantreibt, aber etwas, das nicht so offensichtlich ist, beleuchtet, eine Emotion intensiviert. Beim Boris ist das aber nicht so. Die Arien sind wie zwischen Klammern eingefügt. Klammer auf - Arie - Klammer zu. Danach hat sich nichts geändert. Ohne die Arie gewinnt die Oper an Intensität."

Der große Bogen Diese Intensität zu vermitteln stellt für Gatti die größte Herausforderung dar. "Den großen Spannungsbogen zu halten ist das Schwierigste", sagt Gatti und zieht gleich einen interessanten Vergleich zu einem Opernbegriff Monteverdis. "Boris Godunow ist wie ein ,recitar cantando', eine Oper im Konversationston. Die Gefahr besteht darin, die Musik dahinzuschleppen, ohne Gespür für die Erzählung."

Mit viel Sinn für den richtigen Moment für Veränderung freut sich Gatti nach zehn Jahren als Chef am Teatro Comunale di Bologna über die zukünftige Ungebundenheit. "Zum jetzigen Zeitpunkt meiner Karriere genieße ich es sehr, Projekte genau auszusuchen und zu besprechen. Das ist sehr angenehm."

Alles offen

Seine Opernarbeit konzentriert Gatti in nächster Zeit auf die Häuser in München, Mailand und Wien. "In der Saison 2008/2009 dirigiere ich die Saisoneröffnung in Mailand, im Dezember komme ich für die Wiederaufnahme des Boris zurück nach Wien." Ob seine vermehrte Anwesenheit in Wien - nach Otello im vergangenen Herbst ist Boris Godunow immerhin bereits seine zweite Premiere in dieser Saison - auf mögliche intensivere Bande mit Wien schließen lasse - immerhin sucht man neben einem neuen Direktor wohl auch einen neuen Musikchef des Hauses -, kommentiert der Maestro zurückhaltend: "Man wird sehen."

Im Augenblick gilt die gesamte Konzentration der Premiere am Pfingstmontag. Die letzte Neuinszenierung von Mussorgskis Oper hat die Staatsoper vor 16 Jahren, im Oktober 1991, unter Claudio Abbado erlebt.

Von der modischen Usance, eine Oper gegenwartstauglich zu machen, will Gatti übrigens nichts wissen. "Weder der Regisseur Yannis Kokkos noch ich wollen mit dem politischen Moment des Boris in irgendeiner Form auf die Gegenwart verweisen. Es geht eher darum, dem Publikum Anregungen zum Nachdenken mit auf den Weg zu geben." (Petra Haiderer / DER STANDARD, Printausgabe, 26./27./28.05.2007)