"Die Herausforderung an professionelle Journalisten heutzutage ist nicht mehr, zuzuhören, sondern Bloggern beim Sprechen zu helfen", erklärte der britische Journalist und Web 2.0-Experte Paul Bradshaw in seinem Vortrag "Blogs and Journalism" anlässlich des 8. Wiener Globalisierungssymposiums am Donnerstag in Wien. Der Ausspruch, dass Journalisten einen ersten Entwurf der Geschichte verfassten, habe keine Gültigkeit mehr, so Bradshaw.

In Blogs bekomme man "umfassende Berichterstattung aus erster Hand", so Bradshaw. Während Blogger unmittelbare Information lieferten, würden Journalisten Informationen filtern, verifizieren und dem Leser eine "tiefere Einsicht" geben. Ein weiterer Vorteil professioneller Journalisten sei ihr Zugang zu Informationsquellen sowie Ressourcen wie etwa Technologie, Arbeitskraft, Zeit und einer großen Leserschaft.

Unterschiede

Diese Unterschiede zwischen Bloggern und Journalisten heben sich laut dem Experten jedoch immer mehr auf und das Web 2.0 ersetzt langsam, aber sicher die ursprünglichen Aufgaben professioneller Journalisten. Hinzu käme, dass Journalisten nicht auf allen Gebieten, über die sie schrieben, Fachwissen haben könnten und auch über Themen schrieben, die sie persönlich nicht interessierten, während Blogs immer von Experten auf dem jeweiligen Gebiet verfasst würden. Während Journalisten Teil eines kommerziellen Unternehmens und einer Organisationsstruktur seien, hätten Blogger keine derartigen Verpflichtungen und könnten auch eine Geschichte weiter recherchieren, die von professioneller Seite bereits abgeschlossen wurde, erklärte Bradshaw.

Ein sehr wichtiger Aspekt bei Bloggern sei die Bildung von globalen Communities, bei Blogs ginge es "nicht ums Publizieren, sondern um den Dialog", so Bradshaw. Dabei würden geographische Aspekte an Bedeutung verlieren, da man weltweit vernetzt sei. Herkömmlichen Medien wie etwa Zeitungen riet Bradshaw, sich auf die Aspekte "Recherche, database, interaktiven und Multimedia-Journalismus und von Lesern generierte Formen" zu konzentrieren. Neben so genannten "Wikis" käme dabei besonders dem neuen "Crowdsourcing" eine wichtige Rolle zu - dabei wendet sich die Redaktion zu bestimmten Themen an ihre Leserschaft, damit diese ihr bei der Recherche behilflich ist. Weder Journalisten noch Blogger hätten einen "Sendungsauftrag", vielmehr sei wichtig, den Leser in den Prozess mit einzubeziehen, so Bradshaw.

"Übergang von Microsoft Office zur Google-Galaxy"

Martin Lindner, Experte für e-learning und Neue Medien, sprach von Web 2.0 als einem "ökologischen Phänomen". Es verändere die Welt des Lebens, Arbeitens und Lernens - dieser Prozess sei, wie beim "global warming" jedoch "still und schleichend". Das Web 2.0 sei "unsichtbar", die Veränderung geschehe "in den Köpfen der Leute und den Medien". "Wir leben in einer Welt aus Zeichen", erklärte Lindner, "das Web 2.0 ist dabei, die 'Semiosphäre' zu revolutionieren". Diesen Prozess bezeichnete er als den "Übergang von Microsoft Office zur Google-Galaxy", da Google sämtliche Prozesse von Microsoft Office auf das Internet appliziere.

Web 2.0 ist laut Lindner allerdings "im Moment hauptsächlich destruktiv", da es Märkte wie den Medienmarkt oder den Erziehungsmarkt "kaputt macht". "Was es uns tatsächlich bringt, weiß man noch nicht", so Lindner.(APA)