Eine Klage von Andreas Unterberger, Chefredakteur der "Wiener Zeitung", gegen den Verein Gedenkdienst, der weltweit Zivildiener an Holocaust-Gedenkstätten betreut, stößt der Sozialistischen Jugend (SJ) sauer auf. In einem Offenen Brief an Bundeskanzler Alfred Gusenbauer fordert sie daher die Ablöse des Chefredakteurs der republikeigenen Zeitung. Für Unterberger handelt es sich bei dem SJ-Betreiben um "eine völlig absurde Kampagne, weil mich ein paar Leute hier weghaben wollen" und um "eine Attacke auf die Meinungsfreiheit ", sagte er der APA.

Hintergrund des Konflikts: Bereits vor einem halben Jahr war in der "Wiener Zeitung" ein Gastkommentar des David Irving-Verteidigers Herbert Schaller, einem laut SJ "bekannten Wiener Neonazi-Anwalt", erschienen. Unterberger habe dem Anwalt, der unter anderem an der Holocaust-Konferenz in Teheran teilgenommen hatte, eine Plattform für die Verteidigung der Holocaust-Leugnung geboten, lauteten damals die Vorwürfe der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands, der Aktion gegen Antisemitismus und des Vereins Gedenkdienst.

Ablöse gefordert

Gedenkdienst-Obmann Florian Wenninger forderte die Ablöse Unterbergers und appellierte an Politiker, es sei an der Zeit, "antifaschistische Gesinnung nicht nur in salbungsvollen Sonntagsreden, sondern auch durch konkrete Taten unter Beweis zu stellen". Wenninger habe Unterberger "Faschismus unterstellt", so der Chefredakteur, deshalb habe er Klage eingebracht.

"Unvereinbarkeit"

Die SJ ortet hier eine "Unvereinbarkeit der Handlungsweise Unterbergers als Privatperson und seiner Funktion als Chefredakteur einer Zeitung im Eigentum der Republik Österreich". Einerseits stelle der Chefredakteur Schaller eine öffentliche Bühne zur Verfügung, andererseits unternehme er "aktiv Schritte gegen einen Verein, der die Gedenkkultur an den Terror des NS-Regimes pflegt". Dies erzeuge eine Optik, die der offiziellen Zeitung der Republik Österreich nicht würdig ist, hieß es.

Unterberger hält dem entgegen: "In jenem Gastkommentar ging es weder um die Teheraner Konferenz - Schallers Teilnahme war mir damals nicht einmal bewusst - noch um Holocaust-Leugnung." Letzteres habe ihm Brigitte Bailer, Chefin des Dokumentationsarchivs, in einem Brief "ausdrücklich bestätigt". "Es ging vielmehr um eine juristische Debatte nach einer Richter-Schelte des Abgeordneten (und SPÖ-Justizsprecher Hannes, Anm.) Jarolim, von dem ich sogar zweimal Gastkommentare veröffentlicht habe - vor und nach Schaller." Schaller sei darüber hinaus auch in anderen Medien aufgetreten, "was journalistisch natürlich ebenso in Ordnung ist", so Unterberger. (APA)