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Das ist der Gipfel!
Birgit Baumann, Deutschland-Korrespondentin des STANDARD, hat bereits am Wochenende aus Rostock von den Auschreitungen vor dem G-8-Gipfel berichtet. Sie und STANDARD-Außenpolitik-Redakteur Christoph Prantner werden in der Gipfelwoche das Großereignis vor Ort covern - und für derStandard.at aus Heiligendamm bloggen.

fotos: STANDARD/AP
8. Juni, 17.50 Uhr

Dieser Gipfel ist zu Ende und jeder fühlt sich als Sieger: Angela Merkel, weil sie es geschafft hat, die USA davon zu überzeugen, dass der weitere Klimaprozess unter dem Dach der UNO stattfinden muss. Die Organisatoren der Demonstrationen, weil sich an den Sitzblockaden rund um den Tagungsort 13.000 Menschen beteiligt haben. Mecklenburg-Vorpommern (www.mecklenburg-vorpommern.de), weil die schöne Küstenlandschaft im Sonnenschein von unzähligen TV-Teams in alle Welt übertragen worden ist. Die Polizei, weil der zwölf Kilometer lange Sicherheitszaun hielt. Das Kempinski-Hotel in Heiligendamm, weil die Auslastung so gut war. Christoph Prantner und Birgit Baumann, weil sie jetzt wieder nach Hause dürfen.

8. Juni, 14.00 Uhr

Zuerst meint Lüder Behrens: "Wir geben keine Auskunft über die Gefengenensammelstellen." Dann sagt er doch was. Am Freitagnachmitag seien 120 Menschen in diesen Einrichtungen festgesetzt gewesen. Bei den meisten würden die Personalien festgestellt, nach einigen Stunden würden sie (wie der österreichische Schüler Roman Birke) wieder freigelassen. "Einige Personen bleiben aber in Langzeitgewahrsam hier, vom 2. bis zum 8. Juni. Das entscheiden die Richter in Rostock, nicht die Polizei", so Behrens. Klagen von Festgenommenen, dass sie keinen Anwalt kontaktieren konnten, kommentiert er so: "Alle in Gewahrsam genommenen Personen wurden über ihre Rechte belehrt. Wenn es da Unregelmäßigkeiten gegeben hat, gibt es die Möglichkeit, das von Gerichten prüfen zu lassen."

8. Juni, 10.30 Uhr

George W. Bush hat das Vormitagsprogramm des Gipfels heute gespritzt. Er habe Magenschmerzen und bleibe in seiner Hotelsuite, hieß es. "Ein Virus oder so was Ähnliches", sagte einer aus seinem Tross. So was Ähnliches? Ähnlich wie was? Vielleicht verträgt er als trockengelegter Abstinenzler einfach kein deutsches Bier. Oder das Gipfelmenü (Ostseesteinbutt mit grünem Spargel, http://www.kempinski-heiligendamm.com) war deftig. Oder es liegen ihm einfach die Zugeständnisse von gestern schwer im Magen. Wurst, gut dass er sich eine Auszeit nimmt. Bush senior hat das seinerseits in Japan nicht gemacht, das ging dann ganz schön schief

Jedenfalls, wir wünschen: Gute Besserung!

8. Juni, 9.15 Uhr

Letzter Tag des Gipfels in Heiligendamm. Während die deutsche Kanzlerin und Gastgeberin Angela Merkel mit dem Klima-Kompromiss hochzufrieden ist (http://www.bundesregierung.de), hat sich bei den Umweltschutzorganisationen Frust breitgemacht (www.greenpeace.de, www.bund.net). Auch Alexandra Strickner, Obfrau von Attac-Österreich (www.attac.at), zieht gegenüber derStandard.at ein gemischtes Resumee: „Abgesehen von den Ausschreitungen zum Beginn in Rostock waren die Proteste ein großer Erfolg. So viele Menschen haben friedlich gezeigt, dass sie mit der Politik der G8 nicht einverstanden sind, dass sie eine Politik für Mensch und Umwelt wollen und nicht eine für die Konzerne.“ Enttäuscht ist sie von der Klima-Einigung: „Man hätte konkrete Vorgaben vereinbaren müssen.“

Während Merkel heute mit den Vertretern der Schwellenländer und afrikanischen Politikern zu Mittag isst, findet in Rostock um 13 Uhr die große Abschlusskundgebung der Globalisierungskritiker statt. Sie fahren mit einem neuen Ziel nach Hause: Am 26.Jänner 2008 soll es einen globalen Aktionstag geben.

7. Juni, 10.30

Heute schart Gastgeberin Angela Merkel ihre sieben Männer zu den ersten Arbeitsgesprächen um sich. Dennoch wird sich der Blick heute auch wieder auf Rostock richten, dort findet ab 14 Uhr das große music-and-message-Konzert „Deine Stimme gegen Armut“ statt (www.deine-stimme-gegen-armut.de). Sechs Stunden lang singen Herbert Grönemeyer, Bob Geldof, Bono, die Fantastischen Vier, Silbermond, 2Raumwohnung, die Toten Hosen, Sportfreunde Stiller, Mo’Some Big Noise aus Mosambik, Peter Miles aus Uganda und viele mehr für eine bessere Welt. Zu den erwarteten 70.000 Besuchern (eine Karte kostet übrigens 2,50 Euro) sprechen außerdem Friedensnobelpreisträger Mohammed Yunus aus Bangladesh und die indische Frauenrechtlerin Vandana Shiva. Die ARD überträgt von 18 h 25 bis 19h 52 live. AOL stellt unter www.aol.de/p8 einen kostenlosen Live-Stream bereit.

Wer einen Blick auf Beschaulichkeit hinter dem Zaun werfen will, kann dies hier tun: www.ostsee-zeitung.de/webcam.phtml.

6. Juni, 22.30

Rund 4000 Journalisten aus aller Welt jagen rund um Heiligendamm den Informationen nach. Das deutsche Bundespresseamt hat sich nicht lumpen lassen und ein gewaltiges Pressezentrum in Kühlungsborn an den Strand gesetzt, es ist rund um die Uhr geöffnet. Außerdem informiert es ebenso wie die Polizei per Internet über das Geschehen (www.g-8.de, polizei.mvnet.de) beim Gipfel.

Gar nicht so einfach ist es jedoch, wenn man das Camp Reddelich (camping-07.de) besuchen will, wo 6000 Globalisierungskritiker in Zelten hausen. Jeder Journalist bekommt einen persönlichen Presse-Betreuer zur Seite gestellt, der einem nicht von der Seite weicht. Aber zu weichen gibt es ohnehin keine Gelegenheit. Journalisten dürfen nur in den Eingangsbereich. Auf gar keinen Fall soll fotografiert werden und der Presse-Betreuer möchte auch noch die Zitate autorisieren, bevor sie verwendet werden – das ist ja auch so üblich wenn andere wichtige Leute wie Angela Merkel oder George Bush ein Interview geben.

Also bitte, dann darf es ja wohl ein juristisch korrektes Foto von der Straße aus sein, die auf das Gelände zu führt. Doch auch da winkt ein Ordner fast schon hysterisch ab. Keine Fotos! Keine Fotos! Da gleichen die Globalisierungskritiker den Staatschefs: Beide wollen hinter ihrem Zaun unter sich bleiben.

6. Juni, 14 Uhr

Sie haben es doch geschafft. Tausende Demonstranten sind in Heiligendamm bis zum umstrittenen Zaun vorgedrungen, der die Mächtigen auf zwölf Kilometer Länge schützt. Erlaubt hat das kein Gericht, die Polizei setzte, wie schon in Rostock am Wochenende Tränengas und Wasserwerfer ein. Und auch die ehrwürdige, alte Molli musste dran glauben. Die historische Bäderbahn (erstmals im Jahr 1886 auf Schiene), die während des G8-Gipfels Journalisten zwischen Pressezentrum und Tagungsort transportiert, wurde lahmgelegt, Journalisten mussten auf Boote ausweichen und auf der Ostsee weiterfahren.

Das wird wieder Ärger geben – aber auch dafür sind die Gipfelkritiker gerüstet. Tag und Nacht ist eine Telefon-Hotline von Legal Teams (ermittlungsausschuss.eu) erreichbar. Mehr als einhundert Anwälte stehen bereit, um im Falle von Verhaftungen sofort Rechtsbeistand zu geben. Bis jetzt haben sich rund 500 Demonstranten an den kostenlosen Service gewandt, weil sie vorübergehend festgenommen worden sind oder einen Platzverweis kassiert hatten. Auf der Homepage gibt es auch Verhaltenstipps für Demonstranten für den Fall einer Festnahme: Nur Name, Adresse und Geburtsdaten durchgeben, „ansonsten Klappe halten!“

5. Juni, 23.45 Uhr

George Bush ist gelandet – und es ist nichts passiert. Zu Gesicht bekamen ihn die Demonstranten am Flughafen Rostock-Laage nicht, er wurde mit dem Helikopter sofort weiter nach Heiligendamm geflogen.

Vielleicht sind deshalb nicht so viele zum Protestieren gekommen. Immerhin fand in Rostock gleichzeitig der Auftakt des Alternativ-Gipfels statt, an dem sich Globalisierungskritiker aus den verschiedensten Spektren beteiligen (nolager.de, www.kircheundg8.de).


Die Geschäfte mit Antiglobalisierungs-Devotionalien laufen dabei übrigens glänzend. Neben Keine-Macht-den-Nazis-Stickern (ein Klassiker) sind Badges mit durchgestrichener Heuschrecke sehr gefragt. Auch hoch im Kurs: Che-Guevara-T-Shirts und T-Shirts mit dem Schriftzug Anti-Capitalist – wobei die weiße Schrift auf rotem Grund nicht zufällig an einen großen Getränkekonzern erinnert. A propos Konzern: Wenn der Globalisierungskritiker Hunger hat, ist Fair Trade dann doch so weit weg wie Afrika. Man geht nicht nur zur McDonalds, sondern versorgt sich durchaus auch bei Aldi, Lidl oder Penny.

5. Juni, 13 Uhr

Jean Ziegler ist schon Dienstagfrüh ganz außer Atem. Kaum ist die Maschine aus Wien in Berlin gelandet, ruft er an: "Diese deutschen Gipfelgegner spannen mich ganz schön ein. Da kommt man ja nicht mal mehr zum telefonieren", scherzt er. Ja, Interview macht er gerne. Wann? "Gute Frage. Kommen sie doch heute Abend in die Nikolai- oder in die Petri-Kirche, wir wissen wegen der Polizei noch nicht genau wo. Dort können wir reden."

Ob sich das ausgeht? Mal schauen. Ziegler hält heute um 17 Uhr die Eröffnungsrede für den Alternativ-Gipfel in Rostock. Dort arbeiten Aktivisten in 120 workshops an Alternativen zur Globalisierung. Ziegler ist einer er prominentesten Teilnehmer. Es kommen auch Michael Moore und Wangari Maathai. Wer sich die Veranstaltung ansehen will, kann das im Gipfel-TV tun.

Erwartet wird heute Abend auch George W. Bush. Er kommt um 19 Uhr 30 aus Prag in Rostock-Laage an. Der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern Harald Ringstorff nimmt den US-Präsidenten in Empfang. Dann wird er nach Heiligendamm geflogen. Die Blockade-Aktivisten 8andwar.de überlegen deswegen, ob sie ihre angesagten Sperren nicht absagen wollen.

Für Bush jedenfalls steht heute nicht mehr wahnsinnig viel auf dem Programm: Er wird Zähneputzen und dann ab ins Bett, heißt es. Gastgeberin Angela Merkel wird der Präsident erst morgen treffen.

4. Juni, 17 Uhr

Die Nervosität steigt – bei Demonstranten vor Ort (www.camping-07.de) und der Polizei. Wie, fragt man sich bange, werden die Krawalle ausarten, wenn George Bush erst einmal in Heiligendamm eingetroffen ist und der Gipfel wirklich los geht? Mehr Polizeipräsenz, rufen die einen. Deeskalation bitte, fordern die anderen.

Doch, es naht die Rettung: Karl-Heinz Grasser, Handlungsreisender in Sachen Eigen-PR, sitzt bei Sabine Christiansen (www.sabine-christiansen.de) und erklärt den Deutschen wieder einmal die Welt. Nachdem er ihnen schon vormachen musste, wie die Unternehmensteuerreform anzugehen ist, hat er nun Sicherheitstipps: „Das Polizeiaufgebot ist absurd.“ Und Österreich habe seine EU-Präsidentschaft und den Bush-Besuch ja auch ohne Zaun hinbekommen.

Vielleicht wäre das ja die Lösung: Der nächste G8-Gipfel findet zur Abwechslung in Österreich statt – und KHG, der Herr des Kapitals, organisiert die Häppchen. Wie man sich gegen Autonome wappnet, kann er ja schon einmal studieren - und zwar hier. 4. Juni, 9 Uhr

Wie weiter nach den Krawallen?
Irgendwie scheinen alle ratlos zu sein. Die Polizei, die Globalisierungsgegner, die Politiker - alle reden nach den Vorfällen vom Samstag in Rostock (siehe youtube-Video unten bzw. hier und hier) von Deeskalation.


So richtig daran glauben, mag aber keiner. Attac hat sich nach den blutigen Krawallen von den Gewalttätern distanziert. Im g8-blog.blogspot.com wird eine Debatte über die Ränder der globalisierungskritischen Bewegung gefordert, "die Kraft zu klaren Trennstrichen" müsse her.

Die Initiative Block-G-8 dagegen will am Dienstag (US-Präsident George W. Bush kommt offenbar einen Tag früher als erwartet), Mittwoch und Donnerstag dennoch die Zufahrten zum Flughafen Rostock-Laage und zum Konferenzzentrum in Heiligendamm blockieren. Von zivilem Ungehorsam ist die Rede. Der schwarze Block wird wohl wieder mitmischen. Worum es den einen und den anderen denn inhaltlich geht, scheint in der gespannten Atmossphäre irrelevant. Wir stellen uns auf eine heiße Woche in Heiligendamm ein.